Obituary

Nachruf für Friedrich Wurm

Reiff, Winfried

Kurzfassung

in Rußland, ohne seinen zweiten Sohn gesehen zu haben. Ein Jahr später mußten die Mutter, die Großmutter WEISS, die mit in der Familie lebte, und die beiden Buben wegen der ständig zunehmenden Luftangriffe die Wohnung in Stuttgart verlassen. Sie wurden in das Haus des Fabrikanten Gminder in Traifelberg auf der Alb, oberhalb von Honau, einquartiert. Das Heranwachsen in noch naturnaher Alblandschaft hat die Sinne des Knaben geschärft und das Stadtkind dauerhaft geprägt. Ab Herbst 1945 besuchte FRITZ, wie ihn die Familie und gute Freunde nannten, die Volksschule im 3 km entfernten Honau. Nicht immer fuhr in dieser Zeit das Zügle, eine Zahnradbahn, an der Honauer Steige. So blieb beim Fußmarsch zur Schule und vor allem heimwärts bergauf genügend Zeit für Naturbeobachtungen. Mit dem Zugpersonal war er gut Freund. Seinen Wunsch, Lokomotivführer zu werden, gab er zwar wieder auf, doch entwickelte er eine wahre Leidenschaft für die Eisenbahn - als kenntnisreicher Betrachter wie als Benutzer. Nochwenige Wochen vor seinem Tod fuhren er und seine Familie mit der Bahn - das Autofahren und Wandern überstieg seine Kräfte - kreuz und quer durch die Schweiz. Dabei sah er seine geliebten Berge, von denen er viele beim Namen nennen konnte, zum letzten Mal. Im Herbst 1949 konnte Frau WURM mit ihrer Mutter und den Buben wieder nach Stuttgart zurückkehren. Inzwischen war aber die Wohnung mit einer kinderreichen Familie belegt worden, der es schwer fiel, ein anderes Unterkommen zu finden. So zogen die beiden Frauen mit den Buben nach Korntal. FRIEDRICH WURM besuchte zuvor von Traifelberg aus noch für einige Wochen das Gymnasium in Reutlingen und dann bis zum Abitur 1958 das Karlsgymnasium in Stuttgart. Bei Latein und Griechisch erlosch jedoch seine Liebe zur Natur, zum Wandern und zu Radfahrten nicht. Seinen Mitschülern ist in Erinnerung, daß er bei einem Schulausflug, den er führte, sich so wenig um gepflegte Wege kümmerte, daß der mitwandernde Geographielehrer erbost ausrief: "Der WURM putzt mir aber nachher die Schuhe"! Hervorstechend waren von Kindheit an sein Gerechtigkeitssinn, seine Offenheit und Geradlinigkeit. Die Entwicklung seiner Persönlichkeit wurde sicher auch durch die enge Beziehung zu seinem Großvater THEOPHIL WURM, dem er auch äußerlich etwas glich, beeinflußt. Dieser aufrechte, mutige Mann, Sohn eines theologischen Lehrers am Missionshaus der Basler Mission, war während des Dritten Reichs Landesbischof der Evangelischen Kirche in Württemberg. Er war bestrebt, deren Eigenständigkeit als Bekennende Kirche zu wahren, und er war innerhalb der Kirche führend im Widerstand gegen das NS-Regime. Von 1945-1949 hatte er den Vorsitz des Rats der Evangelischen Kirche Deutschlands inne. FRIEDRICH WURM begann im Sommersemester 1958 sein Geologiestudium an der Universität Tübingen, widmete jedoch die ersten beiden Semester hauptsächlich dem "Studium generale" im Leibniz-Kolleg, mit dem er zeitlebens fördernd verbunden blieb. Seine Kenntnisse in Landesgeschichte, die später den von ihm geführten Exkursionen ein besonderes Gepräge gaben, wurden durch die meisterhaften Vorträge von Professor DECKER-HAUFF gefördert. Das Interesse für die Geschichte einer Landschaft weckte schon früh einer der Altmeister schwäbischer Geologie, Professor GEORG WAGNER, der ihn in Anspielung auf den berühmten Großvater "Geophil" 30