Obituary

Nachruf für Paul Groschopf

Groschopf, Rainer; Reiff, Winfried

Kurzfassung

Jber. Mitt. oberrhein. geol. Ver., N. F. 83, 25–35, Stgt. 17. 4. 2001 25 Paul Groschopf 22. 3. 1909 – 27. 3. 2000 Am Abend des 27. März 2000 starb in Geislingen an der Steige der baden-württembergische Oberlandesgeologe i. R. Dr. phil. Paul Groschopf. Ein Jahr zuvor feierten einige seiner Kollegen und Freunde mit ihm, seiner Frau, seiner Schwester und anderen Nahestehenden im Badhotel in Bad Überkingen seinen 90. Geburtstag. Gesundheitlich schon angeschlagen, doch geistig noch rüstig, genoß er es sichtlich, an der frohen Runde teilnehmen zu können. Einige Monate später wurde er nach einem Sturz zum Pflegefall und musste sein von den Eltern überkommenes Haus, das er mit seiner Frau innen sehr stilvoll gestaltet hatte, verlassen und in das Wohnheim Samariterstift in Geislingen umziehen. Wenig später fand auch seine Frau, ebenfalls nach einem Fall, dort Aufnahme. In den letzten Monaten seines Lebens litt Paul Groschopf unter starken Schmerzen, die er sich aber bei einem Besuch von Kollegen Dr. Wilhelm Schloz und mir an seinem 91. Geburtstag, fünf Tage vor seinem Tod und bereits von ihm gezeichnet, nicht anmerken ließ. Paul Wilhelm Groschopf wurde am 22. März 1909 in Trossingen als erstes Kind des Arztes Dr. Karl Groschopf und dessen Frau Clara geboren. In kurzen Abständen folgten die Brüder Gottfried (1910) und Günter (1912), einige Jahre später die Schwester Ilse (1921). Ende des Ersten Weltkriegs, der Vater war im Felde, wurde die Mutter mit den drei lebhaften Buben nicht mehr fertig und Paul, als der älteste, wurde mit seinen neuneinhalb Jahren für ein dreiviertel Jahr in einem christlichen Knabeninstitut in Wilhelmsdorf bei Ravensburg untergebracht. Für Paul, der ein sehr Jahresberichte 26 empfindsames Gemüt hatte, war die dortige Erziehung ein traumatisches Erlebnis, das seine Einstellung gegenüber kirchlichen Einrichtungen lebenslang beeinflusste. Noch in Trossingen besuchte er die Volksschule. Gleich nach dem Ende des Krieges baute sein Vater in Geislingen an der Steige eine Arztpraxis auf, die ihn als Praktischen Arzt auch in umliegende Weiler und Dörfer auf der Albhochfläche führte. Paul ging zuerst auf die Realschule in Geislingen und anschließend auf die weiterführende Oberrealschule in Ulm, wo er 1928 die Schulzeit mit dem Abitur abschloss. Schroffe Felsen, wie etwa die Roggennadel oberhalb von Eybach, an denen er kletterte, und geheimnisvolle Höhlen, die er beging, gehörten zu seiner Heimat, doch ihn zog es in die Ferne. Er ging als landwirtschaftlicher Praktikant an die Kolonialschule Witzenhausen bei Göttingen, um später als Verwalter einer Farm in Afrika oder Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien, tätig zu werden. Die Verhältnisse dafür waren aber – zumindest für einen Deutschen – damals so ungünstig, dass er die dazu nötige Ausbildung nach einem Jahr abbrach. Er studierte danach Naturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Geologie in Tübingen, Göttingen, wieder Tübingen und dann in Kiel. In Tübingen trat er in die Akademische Verbindung Luginsland ein. Auch an den anderen Studienorten gelang es ihm, nicht nur der Pflicht zu genügen. In Kiel verhalf dazu sicher auch der seinerzeitige Ordinarius für Geologie und Paläontologie Ewald Wüst, der seine Vorlesungen in den späten Nachmittags- und in den Abendstunden hielt und die anschließenden Kolloquien und Postkolloquien oft bis in die frühen Morgenstunden ausdehnte. Um in Kiel nicht immer nur Bier trinken zu müssen, frug der Student aus dem Weinland Württemberg in einer Wirtschaft, ob sie auch Wein hätten. Ja, meinte der Wirt, aber den würde niemand trinken, der wäre zu sauer. Paul Groschopf ließ sich eine Flasche bringen, die vom Wirt, der gleich noch eine Dose Zucker dazu stellte, spendiert wurde. Es war ein vorzüglicher, allerdings trockener Wein, den offenbar die Kieler nicht zu schätzen wussten. Es stellte sich heraus, dass der Wirt mehrere Dutzend Flaschen von dem Wein hatte, die er liebend gerne und billig los geworden wäre. Nach telefonischer Rücksprache mit dem Vater in Geislingen, der das Geld vorstrecken musste, wechselte der ganze Weinbestand des Wirts zur Zufriedenheit beider Seiten den Besitzer. Der Aufenthalt in Kiel war für längere Zeit gesichert! Paul Groschopfs Doktorvater in Kiel wurde der Privatdozent Erich Wasmund, dessen Spezialgebiet, die Seenforschung, nicht nur Fragen der Hydrobiologie, sondern auch der angewandten Geologie umfasste. Wasmund, der wohl als akademischer Lehrer sehr beeindruckend war, regte als Thema der Dissertation „Die postglaziale Entwicklung des Großen Plöner Sees in Ostholstein auf Grund pollenanalytischer Sedimentuntersuchungen“ an. Im Sommer 1933 begann Paul Groschopf, überwiegend von einer „Pontonfähre“ aus, mit 40 Bohrungen die Seesedimente bis in eine Tiefe von 20 m (bei bis zu 14 m Wassertiefe) abzubohren. Diese Arbeiten, bei denen er auch die Pontonfähre (eine von zwei Pontons getragene Plattform aus Dielen) über den See rudern musste, leistete er allein. Die anschließenden Untersuchungen dauerten bis 1935. In diesem Jahr war er vier Monate bei der Hydrobiologischen Anstalt der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft angestellt und untersuchte in deren Auftrag auch eine Moorstrecke der Eisenbahn bei Eutin, wobei bereits ingenieurgeologische Gesichtspunkte Anwendung fanden. Vom November 1935 bis