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Zur Neotektonik der Zollernalb: Der Hohenzollerngraben und die Albstadt-Erdbeben

Reinecker, John; Schneider, Götz

Kurzfassung

Wir stellen ein neotektonisches Modell vor, welches eine genetische Beziehung zwischen den beobachteten Erdbeben entlang der Albstadt-Scherzone und der tektonischen Struktur des Hohenzollerngrabens herstellt. Dabei sehen wir den Hohenzollerngraben als eine oberflächennahe Struktur im mesozoischen Deckgebirge an, welche vom seismogenen Grundgebirge durch ein oder mehrere Entkopplungshorizonte mechanisch mehr oder weniger getrennt ist. Als Entkopplungshorizont bietet sich der Mittlere Muschelkalk mit seinen salinaren Gesteinsabfolgen an. Die tektonischen Stockwerke über und unter dem Entkopplungsbereich gehorchen dem rezenten Spannungsfeld mit der größten horizontalen Spannungsrichtung SH ≈ 150°. Das tiefere Stockwerk ist entlang einer steil einfallenden sinistralen Blattverschiebungszone der Albstadt-Scherzone seismisch aktiv, während das höhere Stockwerk mehr passiv mit fiederförmigen Grabenbrüchen (dem Hohenzollerngraben) ± parallel SH reagiert. Der kumulative Versatz entlang der Albstadt-Scherzone im tiefen Stockwerk kann im oberen Stockwerk durch den Hohenzollerngraben allein nicht kompensiert werden. Wir vermuten daher, dass der Hohenzollerngraben nur ein Teil eines Systems en-echelon angeordneter NE-SW-Dehnungsstrukturen im mesozoischen Deckgebirge ist, zu denen auch der Fildergraben, die Rottenburger Flexur und die Dehnungsstrukturen im Bereich des westlichen Bodensees und des Hegaus gehören. Als Konsequenz aus diesem Modell ergibt sich für die Bildung des Hohenzollerngrabens und der parallel dazu entstandenen Dehnungsstrukturen ein maximal pliozänes Alter. Die Bewegungen halten bis heute an und konzentrieren sich derzeit im Gebiet des Hohenzollerngrabens. Das hier vorgeschlagene Modell wird durch geodätische Messungen rezenter vertikaler und horizontaler Bewegungen (Präzisionsnivellements und Triangulationen) gestützt.

Keywords

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