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Ansätze für ein Bewertungsverfahren für die Fließgewässer und Niederungen im Einzugsgebiet der Warnow unter besonderer Berücksichtigung der Entomofauna

[A method for the ecological evaluation of rivers and lowlands in the Warnow-system with special reference to insecta]

Thiele, Volker; Mehl, Dietmar; Berlin, Angela

Large Rivers Vol. 9 No. 3-4 (1996), p. 599 - 614

37 references

published: Feb 12, 1996

DOI: 10.1127/lr/9/1996/599

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ArtNo. ESP142010103017, Price: 29.00 €

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Kurzfassung

Die Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns wurde insbesondere durch das Pommersche Stadium der Wechselvereisung geprägt. Das heutige Flußnetz ist in seiner hydrographischen Struktur im wesentlichen glazial entstanden. Postglaziale Prozesse (z. B. Litorinatransgression) bedingen größtenteils die Ausprägung der heutigen gewässermorphologischen Formen und Strukturen. Die Fließgewässer des Warnowsystems weisen daher drei Spezifika auf: 1. im Längsverlauf eingeschaltete, durchflossene Seen (river-lake-system) 2. Rückstau durch Meeres- oder Seeneinfluß 3. Fließstrecken im Bereich von Niedermooren. Niedermoore entwickelten sich oftmals in Bereichen der glazialen Schmelzwasserablaufbahnen sowie in den zugeordneten Seiten- und Verbindungstälern, die bis zur großregionalen Trockenlegung seit dem 17. Jahrhundert auch für die holozänen Fließgewässer von wesentlicher Bedeutung waren (Stackebrandt 1993). Heute nehmen Niedermoore ein Achtel der festen Oberfläche Mecklenburg-Vorpommerns ein (Ratzke 1993). Im Warnow-Einzugsgebiet prägen sie, vorwiegend als gewässerbegleitendes Element in verschiedenen Ausprägungsformen, etwa 11 % des Gebietes (Bockholt 1994). Es entwickelte sich eine an die Spezifik derartiger Lebensräume angepaßte Flora und Fauna. In den letzten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts wurden die Flüsse und ihre Niederungen/Auen besonders starken anthropogenen Veränderungen unterworfen. Meist ging es darum, Flächen zu entwässern, um sie damit für die landwirtschaftliche Nutzung zugänglich zu machen. Aber auch die schadlose Abführung von Wasser, die Schiffahrt und der Tourismus standen im Mittelpunkt des Interesses. So wurden einst naturnahe Gewässer vielfach zu ausgebauten und damit morphologisch degradierten Bächen und Flüssen. Naturnahe Niederungs-/Auenbereiche wichen landwirtschaftlichen Nutzflächen, die heute häufig aus Effektivitätsgründen stillgelegt werden. Spätestens dann, wenn monotone Hochstaudenfluren die Niederungsbereiche bedecken oder kostspielige Unterhaltungsmaßnahmen für Gewässerabschnitte anstehen, wird die Forderung nach dem "pflegeärmeren Zustand" gestellt. Dieses umzusetzen, bedeutet die Entwicklung hin zu größerer Naturnähe zu vollziehen. Leistungsfähig sind Flüsse nur im natürlichen beziehungsweise naturnahen Zustand (Böttger & Pöpperl 1992a). Ihre Leistungsfähigkeit wird im wesentlichen durch morphologisch-strukturelle, hydrologische, physikochemische, anthropogene und biozönotische Aspekte bestimmt (Werth 1992). Eine ähnliche Komplexität trifft auch für die Niederungs- und Auenbereiche zu, wo stabile Biocoenosen in ihrer Flexibilität der Garant für die Leistungsfähigkeit sind (Schmidt & Schulz 1993). Ausgehend von dieser Erkenntnis werden innerhalb eines wissenschaftlichen Projektes des Bundesministers für Forschung und Technologie "Modellhafte Erarbeitung eines ökologisch begründeten Sanierungskonzeptes für die Warnow" derzeitig über eine breit angelegte analytische Basis die verschiedenen typischen Naturraumeinheiten im Warnow-Einzugsgebiet untersucht. Dabei finden wissenschaftliche Arbeiten sowohl in der Längsachse des Gewässers (Wasserkörper) als auch in der Querachse (ca. 3200 Quadratkilometer großes Einzugsgebiet) unter Nutzung von Untersuchungsmethoden verschiedener wissenschaftlichen Disziplinen statt. Eine zentrale Aufgabenstellung ist dabei die Bewertung von typischen Naturräumen im und am Fließgewässer (Niedermoore, Durchbruchstäler, natürlich rückgestaute Bereiche etc.). Es ist geplant, ein naturraumspezifisches Verfahren zu entwickeln, das, ausgehend von den Anspruchskomplexen bioindikativ nutzbarer Artengruppen, eine Defizitanalyse in hemeroben Fließgewässerabschnitten zuläßt. Über eine Analyse des potentiell unter naturnahen Bedingungen vorhandenen Artenbestandes werden abgestuft die Soll-Zustände festgelegt. Die Defizitanalyse gestattet dann eine differenzierte Aussage zu "Fehlstellen" in der natürlichen Ausstattung. Ein Vorteil dieses Verfahrens ist die Erfassung kumulativer Prozesse, ein weiterer die Orientierung an naturnahen Referenzflächen. Damit wird die Frage nach den historischen Leitbildern weitestgehend umgangen. Die vorliegende Arbeit soll die Ansätze für ein solches Bewertungssystem erläutern und den Prozeß der Analyse und Bewertung am Beispiel der biologischen Taxa der Köcherfliegen und Schmetterlinge vollziehen.

Keywords

WechselvereisungNiedermooreEntomofaunaWarnowFließgewässer