
Bespr.: Archaeopteryx, 28, Eichstätt 2010
Im Juni 2009 starb Wolf-Ernst Reif, bis 1996 Professor für
Konstruktionsmorphologie in Tübingen. Neben seiner paläontologischen
Forschung interessierte er sich stets auch für die Geschichte seiner
Wissenschaft und für wissenschaftstheoretische Überlegungen. Sein
letztes Buchprojekt über Charles Darwins Evolutionstheorie konnte er
zwar noch abschließen, aber nicht mehr bis zur schlussendlichen
Drucklegung bringen. Die Herausgabe des Manuskripts mit dem Titel
„Darwin’s Origin as a modern theory“ zusammen mit einem kürzeren
Aufsatz über die Anfänge der Kladistik unter dem Zoologen Willi Hennig
übernahm sein Schüler Rainer Schoch. Ergänzt wird der Band durch einen
Nachruf auf Professor Reif.
Auch wenn Schoch in einem Kommentar darauf hinweist, dass das
Darwin-Manuskript aufgrund der geschilderten Umstände eine Kurzfassung
darstellt und abgesehen von den Abbildungen unmittelbar und ohne
Änderungen aus Reifs Feder entstammt, hat es dadurch nicht in seiner
Stringenz gelitten. Reif beginnt mit einer knappen Einführung in den
Stand der biologischen Wissenschaften zu Darwins Zeit und legt so dar,
auf welche Zeitströmungen, Ansichten und Erwartungen seiner
Zeitgenossen Darwin reagieren musste. Dies vermittelt ein
grundlegendes Verständnis seiner argumentativen Taktik. Der große Rest
des fast zweihundert Druckseiten umfassenden Beitrags stellt eine
kommentierte Kurzfassung der Erstausgabe von „On the Origin of
Species“ dar.
Weite Passagen aus Darwins Buch werden wörtlich zitiert, anderen
wiederum paraphrasiert. Und hier ist leider kritisch zu vermerken,
dass nicht immer klar und deutlich zwischen Zitat und Paraphrase
unterschieden wird, was man oft erst merkt, wenn man das Original
daneben liegen hat und vergleichen kann. Verbunden werden diese in
kursiv gegebenen ausführlichen Zitate bzw. Umschreibungen mit
Kommentaren Reifs, die sich vor allem mit Darwins Argumentationstaktik
im Lichte der zeitgenössischen Fragestellungen befassen, sowie, noch
häufiger, mit Blicken in die moderne Evolutionstheorie, in der Darwins
Text verortet wird. Der Autor zeigt sich dabei immer wieder aufs Neue
beeindruckt, von der Fülle der in Darwins Text behandelten Konzepte,
die offenbar weite Bereiche der modernen, Evolutionstheorie bereits
vorwegnahmen. Dabei bleibt allerdings anzumerken, dass Reif als
Paläontologe offenkundige Lücken in Darwins Verständnis im Bereich
Vererbung und Entstehung von Variationen – die erst mit der Entstehung
der Genetik im 20. Jahrhundert wirklich erforschbar wurden – weniger
wichtig waren als etwa biogeographische, ökologische oder
ontogenetische Daten, mit denen Darwin auf äußerst kreative Weise
umging.
Aus wissenschaftshistorischer Sicht, wirkt Reifs Manuskript etwas
anachronistisch. Andererseits eröffnet es jedoch den Zugang zu Darwin
für Nichthistoriker, die wohl auch Reifs Zielgruppe waren. Und mit
dieser Prämisse ist das Buch durchaus lesenswert und interessant.
Reif unterscheidet drei Bedeutungen des Wortes „Evolution“: Evolution
I als irreversiblen Prozess der historischen Veränderungen der
Biosphäre vom ersten „Bakterium“ zur Gegenwart (Phylogenie), wobei die
Existenz dieses Prozesses getrost als Tatsache akzeptiert werden
könne, wenngleich über Details kontrovers diskutiert werde; Evolution
II als die ursächlichen Faktoren, die Evolution kontrollieren
(Mutation, Rekombination, natürliche Auslese, Isolation, genetische
Drift und gegebenenfalls weitere) und Evolution III als historische
Erzählung der Geschichte des Lebens, wie sie sich aus der
stratigraphischen Forschung ergäbe (S. 203).
Da in der paläontologischen Ausbildung theoretische Aspekte der
Evolution (Evolution II) häufig vernachlässigt werden, denn sie
entziehen sich i. w. dem paläontologischen Instrumentarium, begegnet
der Durchschnittspaläontologe der Evolution meist nur in Gestalt von
Phylogenie (Evolution I) und Erdgeschichte (Evolution III). Beides ist
ihm so selbstverständlich geworden, wie einem Astronomen, der auch
nicht mehr ständig betonen muss, dass die Erde um die Sonne
kreist. Die Beschäftigung mit Darwins Buch, so wie Reif dies in seinem
Beitrag ermöglichte, bringt in diesem Zusammenhang die Evolution II in
den Focus, nämlich die wichtigsten ursächlichen Faktoren, ohne dass
man sich mit den hochkomplexen Details der Genetik und
Molekularbiologie befassen müsste, die Darwin eben auch noch nicht
kennen konnte.
Reifs Beitrag ist jedoch auch für Biologen interessant, die durch ihn
wieder schätzen lernen können, wie Darwin mit seinen begrenzten,
„makroskopischen“ Mitteln moderne Theorie machen konnte. Reif hat
insofern einen Klassiker für die Gegenwart gerettet.
Reifs „Darwin’s Origin as a modern theory“ ist ein hybrides Buch;
nicht Fisch, nicht Fleisch. Es ist weder eine fachlich saubere
historischen Würdigung Darwins und seiner Arbeit, weshalb es sich auch
kaum mit der einschlägigen Fachliteratur auseinandersetzt, noch ist es
eine umfassende Darstellung der modernen Evolutionstheorie; sondern es
ist der Versuch den „alten“ Darwin mit „modernen“ Augen zu
sehen. Entstanden ist ein ganz eigenes Genre, das man dennoch mit
Gewinn lesen kann.
Leider ist der Preis des Doppelbandes des neuen Jahrbuchs so
exorbitant, dass Reifs Manuskript wohl über die einschlägigen
geowissenschaftlichen Spezialbibliotheken hinaus kaum Verbreitung
finden dürfte. Das hat Reif nicht verdient. Schade!
Martina Kölbl-Ebert
Archaeopteryx 28, Seite 69-70, Eichstätt 2010