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Ökologisch-pflanzensoziologische Voraussetzungen des Vorkommens von frühmittelalterlichen Hügelgräber-Friedhöfen im Bialowieza-Urwald

[Ecological-phytosociological field studies on early medieval burying grounds in the Bialowieza Primeval Forest]

Faliński, J. B.

Phytocoenologia Band 8 Heft 1 (1980), p. 35 - 63

18 references

published: Sep 4, 1980

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ArtNo. ESP024000801004, Price: 29.00 €

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Kurzfassung

Über die Faktoren, welche im Bialowieza-Urwald auf den Wald und seine Komponenten Einfluß ausüben, ist uns verhaltnismäßig viel bekannt, soweit es die frühmittelalterlichen Friedhöfe betrifft. Deren große Verbreitung im Bialowieza-Urwald, ihre deutliche Verbindung mit den gegebenen Waldökosystemen, sowie ihr Überdauern in fast unverändertem Zustand bis in unsere Zeiten forderten eine gründliche Klärung. Friedhöfe, in welchen einige bis einige dutzend Grabhügel beisammen liegen, sind hier derart "eingeschmolzen" in den umgebenden Wald, daß wir - mit einer gewissen Vereinfachung - ihr Vorkommen im Bialowieza-Urwald untersuchen können als eine unzertrennlich mit dem Walde verbundene ökologische Erscheinung (Faliński 1979). Die Grabhügel sind mit Wald bewachsen, und zwar mit Bäumen, Unterholz sowie Bodenvegetation desselben Typus wie in der näheren und weiteren Umgebung. Archäologische Untersuchungen (Götze 1929, Górska 1976, Walicka 1957) identifizierten diese Grabhügel als Denkmäler slawischer Kultur und datierten ihre Entstehung in den Zeitabschnitt vom 10./11. bis 13. Jahrhundert. Feststellung von Grabhügeln haben wir, außer 3 einzelnen Objekten, nur aus dem westlichen Gebiete des Bialowieza-Urwaldes. Festgestellt wurden hier insgesamt 88 Vorkommen von Grabhügeln mit 542 Erdhügeln. Unter diesen treten nur 30 Grabhügel einzeln auf, die Mehrzahl dagegen als Gruppen von einigen oder etwa zwölf, fünfzehn oder sogar einigen Dutzend. Ökologisch-pflanzensoziologische Untersuchungen im Gelände (Faliński 1979, im Druck) gestatten einige Schlußfolgerungen über die Bedingungen des Vorkommens der Grabhügel, also indirekt über ihre Entstehung in diesen Wäldern. 1. Für die Mehrzahl der Grabhügel-Standorte kann man einen "Leit"-Wasserlauf auffinden, wenn auch einige von diesen aktuell nicht funktionieren. Anhäufungen von Grabhügeln liegen auf Mineralboden- "Halbinseln" an Engstellen meist versumpfter Täler oder entlang deutlich hervortretender Talränder. 2. Aktuell treten die Grabhügel am häufigsten in mesotraphenten Mischwäldern von Hainbuchen-Eichen-Lindenbeständen (Tilio-Carpinetum) auf, wo aufgefunden wurden: 62 Bestände von 88 (70,5 % der Gesamtheit der Bestände) mit 471 Objekten von 542 (86,9 %). In weiterer Reihenfolge entfallen auf meso-oligotraphente Kiefern-Eichen-Mischwälder (Pino-Quercetum) 17 Bestände (19,3 %) sowie 47 Grabhügel (8,7 %) und auf Kiefernwälder (Peucedano-Pinetum) entsprechend 5 (5,7 %) und 17 (3,1 %). Nur 3 Bestände (3,4 %) und 6 Grabhügel (1,1 %) wurden lokalisiert in thermophilen Eichenwäldern (Potentillo albae-Quercetum) und im feuchten Fichten-Eichenwald (Querco-Piceetum) kam nur ein Bestand mit einem einzelnen Grabhügel vor. Nicht angetroffen wurden bisher Grabhügelbestände im sehr vereinzelt im Urwald auftretenden trockenen Kiefernwald (Cladonio-Pinetum) und auf nassen und ständig überschwemmten Standorten, und zwar im Kiefern-Sumpfwald, im Fichten-Moorwald, in Auenwäldern sowie Bruchwäldern. Die Reihenfolge der 3 ersten Waldgesellschaften entspricht hinsichtlich ihres Anteils an Grabhügelbeständen und Grabhügeln im allgemeinen ihrem Anteil im Waldgesamtareal des Bialowieza-Urwaldes. Jedoch sind der Anteil der Bestände und die Zahl der Grabhügel im Hainbuchen-Eichen-Mischwald tatsächlich höher als der Arealanteil dieser Waldgesellschaft im westlichen Teile des Bialowieza-Urwaldes. In Nadelwaldgesellschaften fand man weniger Grabhügel als ihrem Arealanteil entspricht. In einem einzigen Bestand konnten im Hainbuchen-Eichen-Mischwald von einigen bis zu einigen Dutzend Grabhügel gefunden werden, einmal waren es so gar 108 (durchschnittlich 7,6); im Kiefern-Eichen-Mischwald notierte man als größte Zahl 9, dagegen hatten 7 von 17 Stellen nur je ein Objekt (durchschnittlich 2,8). 3. Nachdem jetzt eine deutliche Verbindung der Grabhügel-Standorte mit der Umwelt der Hainbuchen-Eichen-Lindenwälder festgestellt war, wurde als Folgerung eine ökologische Interpretation versucht. Tatsächlich bedeutet der Hainbuchen-Eichen-Mischwald unter den Verhältnissen des größten Teils des europäischen Flachlandes und insbesondere im BialowiezaUrwald ein gewisses ökologisches Optimum (Faliński 1966) für die Entwicklung von Ansiedlungen sowie überhaupt materiellen Tätigkeiten der Urbevölkerung. 4. Die Kenntnis der Pflanzendecke des Bialowieza-Urwaldes ermöglicht, im Zuge von unmittelbaren Untersuchungen des Geländes, eine ziemlich genaue Bestimmung der ehemaligen ökologisch-phytosoziologischen Verhältnisse, in welchen die Grabhügel und ihre größeren Gruppen vorkommen. Dies ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einer Rekonstruktion der Umweltverhältnisse, welche den Grabhügel-Friedhöfen eigen waren zur Zeit ihrer Entstehung. Eine weitgehende Wiederholung sowie Stabilität der Verhältnisse, in welchen die Grabhügel im Bialowieza-Urwald auftreten, erlauben jedoch die Annahme, daß diese Objekte auch in den Urzeiten sich unter ähnlichen Bedingungen entwickelten. 5. Genaue Lokalisation im Gelände, Situation der Grabhügel in größeren Beständen, Größe und kreisförmige Gestalt an der Basis gestatten die Annahme, daß möglicherweise Vertiefungen nach Windwürfen von Bäumen bei ihrer Anlage ausgenutzt wurden.

Abstract

In the Bialowieza Primeval Forest we have relatively much information on early medieval burying grounds. Their frequent occurrence in the area, their association with definite forest ecosystems and their preservation in an almost unchanged state up to this day require a more extensive discussion. These cemetries consist of anywhere from a few to several scores of tumuli which are so completely blended into the forest environment that, with a certain simplification, their occurrence in the Bialowieza Forest may be considered as an ecological phenomenon inseparably associated with the forest (Faliński 1979). The tumuli are overgrown with forest, that is, tree stands, undergrowth and field layer of the same type as in the surroundings. Archaeological investigations (Götze 1929, Górska 1976, Walicka 1957) identify the tumuli as monuments of the Slavic culture dating from the 10th/11th to the 13th century. Except for three single tumuli, all of them have been recorded in the western part of the Bialowieza Forest. Altogether 88 sites containing tumuli were determined having a total of 542 tumuli. Among these, only thirty occur singly, while most are in groups of several or a dozen or so and even of several score. Ecological-phytosociological fields studies (Faliński 1979, in press) lead to several conclusions concerning the conditions prevailing at the sites where tumuli are found and thus their origin in the Forest. 1. For most such sites a "leading" water course may be found, although some of them are no longer existing. The groups of tumuli occur on mineral "peninsulas" in the narrowest parts, usually boggy valleys or along a protruding valley edge. 2. Tumuli are most numerous in mesotrophic mixed hornbeam-oak-linden forests (Tilio- Carpinetum) where 62 of the 88 sites (70.5 %) were found, containing 471 objects of the total number of 542 (86.9 %). Next come the meso-oligotrophic mixed oak-pine forests (Pino-Quercetum) with 17 sites (19.3 %) and 47 tumuli (8.7 %). In oligotrophic pine forests (Peucedano-Pinetum) the corresponding figures are 5 (5.7 %) and 17 (3.1 %). Only three sites (3.4 %) containing 6 tumuli (1.1 %) were found in thermophilous oak forest (Potentillo albae-Quercetum); and in humid oak-spruce forest (Querco-Piceetum) there is only a single site with one tumulus. No tumuli have been found in dry pine forest, which is very rare in the Bialowieza Forest Complex, or in humid habitats or in continuously flooded areas, that is, in pine bog forest, spruce bog forest, flood-plain and alder bog forest. The sequence of the three first mentioned forest communities, based upon the number of burial sites and tumuli, corresponds, in general, to their surface area in the Bialowieza Forest. The percentage of localities and the number of tumuli in the oak-linden-hornbeam forest is significantly higher, however, than the percentage of surface area of this type of forest community in the western part of the Forest. The number of tumuli found in coniferous forest communities was correspondingly lower as compared with the surface area. In the Tilio-Carpinetum there are anywhere from a few to several scores of tumuli, in one place there are even as many as 108 (mean 7.6). In Pino-Quercetum the largest number of tumuli on one site is nine, but as many as 7 sites out of 17 had only one object (mean 2.8). 3. The distinct relationship found between the sites with tumuli and the oak-linden-hornbeam forest environment remains to be interpreted by an ecologist. The oak-linden-hornbeam forest, in a large part of the European lowland, and particularly in the Bialowieza Forest, indicates a certain ecological optimum (Faliński 1966) for the development of colonization and in general for the economic activity of primitive societies. 4. The knowledge of the plant cover in the Bialowieza Forest makes it possible, in the course of direct field studies, to determine accurately the contemporary ecological-phytosociological conditions in which single tumuli and burial grounds occur. This of course does not mean that the environmental conditions prevailing at the time of construction of these monuments can be reconstructed. The striking repeatability of the conditions in which the tumuli are found in the Bialowieza Forest allow the assumption that they were built under conditions similar to the present ones. 5. The localization of the tumuli in the forest, their size and rounded shape at the base seem to point to some connection to the holes left by uprooted trees.

Keywords

cemetriestumulihornbeamoakpineBialowieza Primeval Forest