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Die Quartärforschung in Deutschland Ihre Entwicklung und ihre Aufgaben

Woldstedt, Paul

Kurzfassung

I. Deutschland hat an den beiden großen europäischen Vereisungsgebieten Anteil: dem nordeuropäischen und dem alpinen. Es ist deshalb kein Wunder, daß die Eiszeit- bzw. Quartärforschung in Deutschland seit langem eine große Bolle spielt. Nachdem hauptsächlich Schweizer Naturforscher die ehemalige größere Ausdehnung der Alpengletscher festgestellt hatten, war es KARL SCHIMPER in München, der im Jahre 1837 zuerst den Ausdruck ,Eiszeit" verwandte für jene nicht allzuweit zurückliegende Kälte-Periode, in der die Alpengletscher bis weit ins Vorland herausreichten. Auch GOETHE hatte ja bereits den Gedanken einer solchen kalten Zeit ausgesprochen. In Norddeutschland erkannte schon 1832 A. BERNHARDI klar, daß die aus dem Norden stammenden Felsbruchstücke und Geschiebe, welche man in Norddeutschland und den benachbarten Ländern findet, an ihre gegenwärtigen Fundorte nur durch eine ehemalige große Eisausdehnung gekommen sein könnten, von der die Endmoränen zurückgeblieben seien. Freilich konnte sich diese Ansicht für Norddeutschland zunächst noch nicht durchsetzen. Ihr stand die wissenschaftliche Autorität von CH. LYELL (1835) und auch von CH. DARWIN entgegen. Sie vertraten die Anschauung eines kalten Meeres in Norddeutschland mit strandenden Eisbergen, die skandinavisches Material dorthin verfrachtet hätten. Erst 1875 führte der schwedische Forscher OTTO TORELL in der denkwürdigen Sitzung unserer Gesellschaft vom 3. November 1875 auch für Norddeutschland die Inlandeistheorie zum Siege. Ihm war erneut der Nachweis echter Gletscherschliffe auf dem Rüdersdorfer Muschelkalk gelungen, nachdem schon lange vor ihm entsprechende Beobachtungen gemacht worden waren, die aber in ihrer Bedeutung nur von wenigen erkannt wurden. ...