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Als Geologe in Abessinien

Stier, Karl

Kurzfassung

Der Vortragende durchquerte Westabessinien im Jahre 1929/30 gelegentlich einer montangeologischen Expedition. Nach kurzer Schilderung der geschichtlichen und ethnographischen Verhältnisse werden an Hand zahlreicher Lichtbilder die geographischen und besonders die geologischen Verhältnisse des Landes dargestellt. - Die Hauptgrundlage für die wirtschaftliche Entwicklung Abessiniens sieht der Vortragende weniger in den vorhandenen mineralischen Rohstoffen als vielmehr in dem großen Wasserreichtum des Landes, speziell des Blauen Nils, dessen Auswertung in Stau- und Berieselungsanlagen gewaltige agrarwirtschaftliche, industrielle und forstwirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten bietet -, fernerhin in den klimatisch und hydrologisch günstigen äquatorialen Höhenlagen, in den vegetationsreichen Hochebenen, in den endlosen, sich über das ganze Land erstreckenden Trappdecken mit ihren tiefgründigen, für den Wasserhaushalt wichtigen lateritischen Verwitterungsböden, die auf große Erstreckung hin in fruchtbare Schwarzböden ("Dschika") übergehen. - Das durch tiefeingesunkene Grabensysteme umrahmte abessinische Hochland, das "Habeschhochland", wird nach vorwiegend N-S und W-E sowie mehr untergeordnet durch NW und NE verlaufende Bruchlinien in Einzelschollen zerlegt. Auf diesen hauptsächlich jungtertiären Bruchlinien, die entlang der Reiseroute zwischen Addis-Abeba und dem Sudan im einzelnen näher gekennzeichnet werden, erfolgten bis in die Diluvialzeit stofflich verschiedene und verschiedenaltrige Spaltenergüsse; Basalte-Phonolite, Granite und Aplite, z. T. mit Basalteinschlüssen, Bimssteine und als letzte posthume Ausläufer zahlreiche Thermen. Die nördliche Fortsetzung des zentralafrikanischen Grabensystems bilden bestimmte N-S verlaufende Graben- und Staffelbrüche, nach denen das Habeschhochland im Westen entlang markanten Steilrändern gegen den Sudan abfällt. Geologischer Aufbau, Tektonik und Morphologie werden an Hand eines Querprofilentwurfes sowie charakteristischer Landschaftsaufnahmen erläutert. Die tertiären Basaltdecken, die Trappdecken, sind hauptsächlich Spalten - zum geringeren Anteil Schlotergüsse. Unter den nutzbaren Mineralvorkommen wird nur den Platin vorkommen am Birbir wirtschaftliche Bedeutung zugesprochen. Sie sind gleich den Goldvorkommen auf die trappdeckenfreien kristallinen Grundsockelzonen entlang dem Steilrand der afrikanischen Gräben beschränkt (Benishangul). Die seit Menschengedenken bekannten und seit einem Jahrhundert immer wieder von Europäern beschürften Berggold- und Seifengoldvorkommen, in denen z. T. von Frauen und Sklaven Gold gewaschen wird, lohnen genügender Masse und meist auch ausreichender Güte den Abbau nicht. Für das Vorhandensein ausgedehnter Metall-, Kohlen- und Ölvorkommen fehlen günstige geologische, lagerstättentechnische und paläogeographische Voraussetzungen.