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Die Wachstumsgesetze des Stammbaumes und die Nomenklatur

Tripp, K.

Kurzfassung

Nachdem die Verknüpfung des Stammbaumes der Jura- mit den Kreidebelemniten gelungen ist, können aus der Stammesgeschichte der Belemniten Gesetzmäßigkeiten ermittelt werden: 1. Das Verzweigungssystem der Belemniten stellt ein Monopodium dar. Es geht eine einheitliche Hauptachse durch das ganze Verzweigungssystem. Sie ist Mutterachse für zunächst kurze Seitenzweige (Lias, Dogger), dann für sehr lange (Dogger bis mittlere Kreide) und schließlich kürzere (obere Kreide). Es entstehen Seitenzweige erster, zweiter und höherer Ordnung. 2. In der Umwandlung der Formen sind in fortgesetztem Wechsel immer 2 Richtungen zu unterscheiden. In der ersten Richtung geht eine Folge von Arten gleicher Ordnung und in der zweiten (divergenten) Richtung Arten niederer Ordnung auseinander hervor. 3. Die Entfaltungen verlaufen rhythmisch, sowohl diejenigen der Arten als auch diejenigen höherer taxonomischer Einheiten, und zwar homolog dem Lebensablauf eines Einzelwesens. 4. Die Entfaltung ist eine komplementäre, d. h. der Fortschritt der Entfaltung der Zweige entspricht einem Rückgang in der Entfaltung der Mutterart am Stamm. 5. DE VRIESSche Mutationen kommen paläontologisch nicht zum Ausdruck. Die Entstehung der Tochterarten aus den Mutterarten erfolgt rhythmisch, aber nicht sprunghaft, also lückenlos. Die Arten am Stamm sind pluripotent und wandeln sich dort nur sehr langsam um. Bei den Belemniten z. B. ist das charakteristische progressive Umwandlungsmerkmal an der Hauptachse die Bauchfurche, deren Bildung an der Spitze erscheint, sich über die gesamte Länge des Rostrums erstreckt und schließlich von der Spitze her wieder verschwindet. Die äußere Form bleibt dabei nahezu konstant kegelförmig. Dagegen finden auf den Seitenzweigen beträchtliche Veränderungen der äußeren Form statt. Für die taxonomische Gliederung ist der Grad der Verzweigung als natürliches Einteilungsprinzip zugrunde zu legen. Dabei entspricht die Entstehung der systematischen Kategorien "Art", "Gattung", "Familie" usw. einer Division. Eine generelle (pluripotente) Grundform bzw. Grundart spaltet in spezialisierte (schließlich unipotente) Abarten auf. Die Evolution (Entwicklung zum Höheren) bildet mit dem Ablauf der Formenumwandlung ein komplementäres Entwicklungssystem. Diskussionsbemerkungen von Herrn H. FALKE zum Vortrag TRIPP: Hinsichtlich der Behauptung des Vortragenden, daß auf Grund seines Studiums an Jura- und Kreidebelemniten der Stammbaum kein Sympodium, sondern ein Monopodium darstelle und die Entstehung der Tochter- aus den Mutterarten lückenlos erfolge, wird in Zweifel gezogen, daß man diese Schlüsse, sofern sie auf Belemniten zutreffen sollten, verallgemeinern darf. Diese Zweifel sind um so berechtigter, als schon die für die Belemniten aufgestellten entwicklungsgeschichtlichen Faktoren nicht alle als gesichert erscheinen. (Übergang von Mutter- zur Tochterart, die Unklarheit besonders in der Definition der Pluri- und schließlichen Unipotenz, die Inkonstanz der Formen auf den Seitenzweigen usw.) Auch hinsichtlich eines rhythmischen Verlaufs der Entfaltungen werden Bedenken erhoben. In diesem Zusammenhang muß auch auf den nicht klar ersichtlichen Einfluß der Umwelt verwiesen werden, der nur auf den Grad der Entfaltung (Verzweigung) hemmend oder fördernd sein soll. Der Fortschritt der Entfaltung der Zweige wirkt sich aber seinerseits nach Angabe des Vortragenden auf die Entfaltung der Mutterart am Stamm aus usw. Wie in vielen anderen Fällen, so ist auch hier schließlich, trotz ausdrücklichster Negierung durch den Vortragenden, die Weltanschauung die Grundlage einer vermeintlichen exakten Beweisführung.