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Sedimentation und Tektonik in den Kalkalpen zwischen Schliersee und dem Inntal

Ganss, Ortwin

Kurzfassung

Anläßlich der Neubearbeitung des Blattes Schliersee (1:100 000) wurde der bayerische Anteil des Kalkalpins besonders untersucht. Dieses Gebiet wurde im Laufe der letzten Jahre genau kartiert, wobei die Arbeiten von E. DACQUÉ, W. EDER, W. HASEMANN, K. OSSWALD und MAX RICHTER mit seinen Mitarbeitern zu erwähnen sind. Die Gesamtbearbeitung dieses Gebietes ergab einige Gesichtspunkte, die im alpinen Geschehen von nicht unwesentlicher Bedeutung sein werden. Es scheint, daß die komplexen Vorgänge der orogenetischen Phasen und schließlich der Gebirgsbildung bereits im geosynklinalen Zustand ihren Keim haben. Sedimentation und Tektonik greifen in unaufhörlichem Wechselspiel ineinander über, und scharfe Abgrenzungen scheinen oft nicht möglich. Das Schrifttum, das sich mit Fragen des alpinen Bauplanes beschäftigt, ist fast unübersehbar. Von mikroskopischen Kleinstudien des Gefüges bis zu großzügigen Gedankenflügen ist den geologischen Vorstellungen heute noch kaum eine Grenze gesetzt. Je großzügiger das alpine Bewegungsbild gedacht wird, um so schwieriger lassen sich die räumlichen Probleme verstehen, wenn wir die erstarrten Bewegungen rückläufig verfolgen müssen. Wir gelangen zu Raumvorstellungen, die mit den jetzt vorhandenen Räumen nicht mehr in Einklang zu bringen sind. Fast zwangsläufig führte der Weg zur Annahme von Massenabwanderungen (AMPFERER-KRAUS), die eine schrittweise Verengung des ehemals weiteren geosynklinalen Raumes bedingten. Das kalkalpine Mesozoikum reagierte passiv (entsprechend seinen mechanischen Eigenschaften) auf die Tiefenvorgänge, die wir bestenfalls nur ahnen können. Der treibende Motor in der Tiefe löste Nordbewegungen an der Oberfläche der Kruste aus. Wo die Mächtigkeiten der letzteren gering waren oder die Schichten besonders faltbar, da entstanden im Vorstadium Falten und später Schuppen. Mächtigere Kalkplatten von einigen hundert bis über tausend Meter Dicke sind wohl zerbrochen und lokal gefaltet, im großen jedoch wenig beeinflußt. Die raumverengende Tendenz konnte nicht mehr zur Entfaltung kommen, und so sehen wir gerade diese oft große morphologische Einheiten bildenden Körper an Schubflächen abgeschert, den umgebenden stark gefalteten und in den Tiefbau mit einbezogenen Rahmen an flachen Überschiebungen überfahren. Aus all dem ergibt sich, daß der Oberflächenbau des Gebirges ein gewisses selektives Verhalten zeigt und daß jede - oft schon paläogeographisch vorbedingte - Zone ihre Individualität behalten kann. Diese Zusammenhänge zu verfolgen und zu klären gehört wohl zu den reizvollsten Aufgaben der alpinen Geologie.