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Eiszeitliche Talverschüttung Südbayerns und ihre Bedeutung für Wasser- und Energiewirtschaft

Knauer, J.

Kurzfassung

Durch die mehrmalige eiszeitliche Vergletscherung sind tiefgreifende Veränderungen in der Oberflächengestaltung des Gebirges und seines Vorlandes eingetreten. Während im nördlichen Tertiär-Hügelland nur die Täler der Isar und des Inns präglazial angelegt sind und seitdem in Benützung stehen, wie das auch bei den großen alpinen Quertälern der Fall ist, wurde im alpinen Vorland das Gewässernetz nach jeder Vergletscherung neu angelegt, da das vorher vorhandene Flußsystem jeweils durch die eiszeitlichen Ablagerungen verschüttet wurde. Auch das heutige Flußsystem ist demnach erst seit dem Ende der Eiszeit epigenetisch neu entstanden, während die früheren Flußläufe unter Moränen und Schottern begraben liegen. Diese Tatsache war bisher nicht allgemein bekannt oder mindestens in ihrer Bedeutung nicht beachtet worden. Die Erscheinung, daß die großen Gebirgsflüsse nach ihrem Austritt in das Vorland ihre Täler tief in den Molassegrund eingefurcht haben, während die alpinen Talstrecken mächtig verschüttet sind, verleitete MAX RICHTER zu dem irrtümlichen Schluß, daß das voralpine Molassegebiet während des Diluviums eine Hebung erfahren habe; denn am Alpenrand beginne plötzlich die Tiefenerosion, während die tief aufgeschütteten alpinen Täler sich nirgendwo in das Vorland hineinziehen. MAX RICHTER übersah dabei die epigenetische und postglaziale Entstehung der heutigen voralpinen Flußtäler. Aus mehreren Beispielen (Isar-, Mangfall- und Ammer-Tal) geht hervor, daß die interglazialen Flußläufe in ganz anderer Richtung verliefen und heute tief verschüttet sind. Insbesondere konnte im Isargebiet die Fortsetzung des verschütteten alpinen Isar-Tales in das Vorland in der Richtung nach Schaftlach nachgewiesen werden. Dieser alte Isarlauf wurde durch die jungdiluvialen Moränen verbaut und die Isar gezwungen, bei Bad Tölz nach Norden überzufließen und sich dabei in die Molasse einzufurchen. Auf Grund verschiedener Bohrungen und Sondierungen konnte das Gefälle des alten Isarlaufes mit mindestens 1,20%o errechnet werden; außerdem ist die Talverschüttung bei Schaftlach mächtiger als im Isar-Tal bei Fall. Von einer während des Diluviums erfolgten Aufwölbung der Molasse kann also keine Rede sein. Die Eintiefung der postglazialen Täler der Mangfall und Ammer in die Molasse ist durch die Ablenkung der genannten Flüsse in das tiefgelegene Rosenheimer- bzw. Ammersee-Becken verursacht worden. Als weiteres interessantes Beispiel eines epigenetischen Flußlaufes kann das Alz-Tal zwischen Chiemsee und Altenmarkt dienen. Dort wurde durch Bohrungen das Vorhandensein eines alten mit Schotter bzw. Nagelfluh erfüllten Tales unter dem heutigen Alz-Tal festgestellt, in welchem ein Grundwasserstrom fließt, der mit dem heutigen Alz-Fluß nicht in Verbindung steht; letzterer besitzt nämlich ein natürlich abgedichtetes Flußbett, aus dem nichts versickert. Hier bestehen also zwei verschiedene, voneinander unabhängige Flüsse übereinander, ein alter interglazialer, als Grundwasser tätiger Fluß und ein postglazialer, der Oberflächenentwässerung dienender Fluß. Die mit Grundwasser erfüllten verschütteten alten Täler haben Bedeutung für die Wasser- und Wasserkraftwirtschaft.