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Geologie und Denkmalpflege

Hoermann, Hans

Kurzfassung

Daß die Geologie als Wissenschaft vom Sein und Werden unserer Mutter Erde in viele andere Disziplinen eingreift, kann nicht wundernehmen. Und so verbinden sie auch bemerkenswerte Beziehungen mit der praktischen Denkmalpflege. Von der anderen Seite her wird der Zusammenhang insofern ebenfalls verständlich, als die Denkmalpflege durch ihre Doppelnatur von Haus aus darauf angewiesen ist, sich auf verschiedenartige Grundlagen zu stützen. Als "Kunst, geleitet von der Technik", hat man sie schon definiert. Technische und Naturwissenschaften müssen daher unentbehrliches Rüstzeug zur praktischen Arbeit liefern. Wie der Malerkonservator über Malgrund, Farben und Bindemittel Bescheid wissen muß, so ist in der Baudenkmalpflege die Kenntnis der Untergrund Verhältnisse und Baustoffe eine unerläßliche Voraussetzung. Das gilt freilich in dieser allgemeinen Formulierung zunächst vom Architekten überhaupt. Neben Physik und Chemie ist die Geologie, wie übrigens bis zu gewissem Grade auch die Bodenkunde, eine wichtige Hilfswissenschaft für ihn. Weit über das hinaus, was man von einem Baumeister im allgemeinen an geologischer Bildung erwarten wird, kann es aber gehen, wenn der Denkmalpfleger mit entsprechenden akuten Krankheitsfällen seiner Schutzbefohlenen zu tun hat, die durchaus nicht selten sind. In Sensau, einer kleinen Ortschaft im Landkreis Ebersberg, östlich von München, steht ein schiefer Kirchturm. Solche gibt es mehrfach; berühmt ist der von Pisa. Solange dabei die Schwerlinie am Fußpunkt im Rahmen der Kernfigur bleibt, ist die Sache statisch nicht weiter von Bedeutung. Wesentlich anders wird aber die Situation, wenn regelmäßiges Abloten erweist, daß die Neigung fortschreitet. Dann muß energisch zugegriffen und dem Übel auf den Grund gegangen werden. In Sensau liegt nun die Pfarrkirche am Fuß eines Hanges, des sog. "Herrengartens", und es besteht begründeter Verdacht, daß neben Unterspülung durch Wasser auch seine Schubwirkung als Ursache der fortschreitenden Deformationen im Turmgefüge in Frage kommt. Schon zur Diagnose kann hier die Denkmalpflege der Mithilfe des Geologen nicht entraten, und das gilt erst recht von den in diesem Fall vielleicht noch nicht allzu schwierigen Gegenmaßnahmen. Jedenfalls hat das Landesamt für Denkmalpflege wohlgemeinte, aber kurzsichtige Unterfangungs- und Stützungsvorschläge einzelner Firmen zunächst abgelehnt und im Benehmen mit dem Geologischen Landesamt vor allem eine umfassende Klärung der Bodenverhältnisse gefordert.