Original paper

Über die Unterscheidung von Über- und Unterschiebung

von Gaertner, Hans Rudolf

Kurzfassung

In dem geologischen Schrifttum wird in den letzten Jahren vielfach für Überschiebung Unterschiebung angenommen. Man glaubt mit Hilfe von Unterschiebungen geologische Deformationen leichter erklären zu können. Hierbei wird stillschweigend vorausgesetzt, daß Unter- und Überschiebungen gleiche Deformationsbilder erzeugen. Dies ist auch sicher weitgehend der Fall. Doch gibt es einige günstige Fälle, in denen der Nachweis gelingt, daß das Hangende aufwärts bewegt wurde, während das Liegende unverändert oder wenigstens weniger bewegt wurde (Überschiebung) oder das Liegende allein die Bewegung nach unten antrat (Unterschiebung). Im früheren Schrifttum hat wohl zuerst F. KAISIN jr. (1936, S. 85-88, Abb. 33) auf die theoretische Möglichkeit hingewiesen und an Hand von Profilen durch das belgische Kohlenbecken auch praktisch den Nachweis geführt, daß, die Annahme von Überschiebungen wesentlich wahrscheinlicher als die der Unterschiebung ist (S. 308-311). In neuester Zeit hat sich, unabhängig von KAISIN, T. A. LINK (1939) an einer Beschreibung der kanadischen Foothills zu diesem Thema geäußert. Er kommt an Hand der Profile durch das Erdölfeld des Turner Valley am Fuße des Felsengebirges gleichfalls zu dem Schluß, daß hier Überschiebungen, nicht Unterschiebungen, vorliegen. Die Unterscheidung des wirklichen, nicht nur des relativen Sinnes der Bewegung an einer flachliegenden Störungsfläche, an der Älteres über Jüngerem liegt, an einem "Wechsel", um eine im Ruhrgebiet gebräuchliche neutrale Bezeichnung zu gebrauchen, ist natürlich nur möglich, wenn wir einen Fixpunkt haben, auf den beide Bewegungen zu beziehen sind. Ein solcher Fixpunkt ist gegeben, wenn der Störungsbetrag an dem Wechsel an dem einen Ende aufhört (vgl. Abb. 1), die Bewegung ausklingt. Dieser Nullpunkt, der beiden Systemen angehört, wird dann zu einem solchen Bezugspunkt, auf den die Bewegung beider Teile bezogen werden kann. In der Abb. 1 a kann es sich nur um Überschiebung, in der Abb. 1 b nur um Unterschiebung handeln, weil die ungestörte Schicht (punktierte Linie) bei Annahme eines Gegeneinandergleitens von der oberen und unteren Masse zerrissen sein müßte. Da eine Deformation nicht plötzlich aufhört, sondern langsam ausklingt, muß gegen den Nullpunkt die Versetzung der Schichten am Wechsel langsam ausklingen. Bei Überschiebung klingt die Bewegung langsam in aufwärtiger, bei Unterschiebung aber in abwärtiger Richtung aus.