Original paper

Über den Längszusammenschub in Orogenen

Osswald, Kurt

Kurzfassung

Bei der Bearbeitung der europäischen und vorderasiatischen Orogene stieß Verfasser wiederholt auf eigentümliche Großformen, die sich bei der tektonischen Analyse als Ergebnisse von Bewegungen in der Längsrichtung der Orogene herausstellten, wobei Raumverkürzung hervorgerufen wurde, also Längszusammenschub (abgekürzt LZS). Bei der weiteren Verfolgung dieser Erscheinungen fanden sie sich auch in den anderen jungen Orogenen der Erde und gelegentlich in vormesozoischen Orogenen. Über ihr zeitliches Verhältnis zu den Querzusammenschüben (abgekürzt QZS) läßt sich vorläufig nur soviel sagen, daß die letzteren in der Hauptsache abgeschlossen waren, als die Orogene vom LZS betroffen wurden. Freilich hat sich der QZS nachher an vielen Stellen in abgeschwächtem Ausmaß noch fortgesetzt. Der älteste LZS in jungen Orogenen ließ sich mittelkretazisch bestimmen, für weitere ist mitteleozänes Alter zu vermuten, wenn auch zur Zeit noch nicht zu belegen. Es gibt aber ohne Zweifel auch noch jüngere, und in Indonesien sind derartige Bewegungen möglicherweise noch im Quartär bis heute im Gang. Die Formen des LZSs zeigen im Schnitt ähnliche Bilder wie die des QZSs, nur um 90° über eine horizontale Achse gedreht, d. h. das beim QZS senkrechte Profilbild zum waagerechten Kartenbild umgelegt. Die wichtigsten Formen seien kurz erwähnt. Querfaltungen kennen wir aus vielen Orogenabschnitten, seltener Quer- und Schrägüberschiebungen Beide sind z. T. sicher Ausweichbewegungen beim QZS, z. T. aber müssen wir sie - vor allem, wenn sie regionale Dimensionen annehmen - als Folgen von LZS ansprechen. Blattverschiebungen gibt es bei beiden, beim QZS beträgt aber die Raumverkürzung oft nur wenige Meter, höchstens einige Kilometer, beim LZS dagegen kann sie 100 km weit überschreiten. Der Flexur bei der Radialbewegung beim QZS entspricht das Sigmoid bei letzterem. Es kann Raumverkürzungen von mehreren 100 km anzeigen. Stauchungen und Knickstauchungen infolge von einseitigem Druck kommen beim LZS ebenso vor wie beim QZS. Wie sie beim QZS in echte Falten übergehen, so beim LZS in faltenförmige Strangwindungen (mit vertikaler Achse der Windungen!), bei denen eine Raumverkürzung bis zu 500 km zustande kommen kann. Orogen- und Strangschlingen - sozusagen Doppelsigmoide -, auch solche mit eingedrücktem Scheitel, sind meist sehr großräumig und können das Ergebnis von Raumverkürzungen im Ausmaß von mehreren 1000 km sein.