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Abessinien, geographische und geologische Grundzüge

Stier, K.

Kurzfassung

Abessinien, auch die Schweiz Afrikas genannt, ist ein Plateauhochland, das allseitig steil aus den heißen Niederungen der umgebenden Länder ansteigt. Weitaus der größte Teil des Landes liegt in Höhen von 1800-3500 m NN. Die Gebiete unter 1800m NN, die "Kolla" besonders Süd- und Südostabessinien, haben heißes, tropisches Klima. Es sind vorwiegend Steppengebiete, z. T. mit Urwäldern entlang den Flußniederungen. Die Gebiete von 1800-2500m NN, die "Woinega" = Weinland, haben subtropisches und die Hochländer über 2500m NN die "Dega" gemäßigtes Klima. Die fruchtbarsten Gebiete, mit reichen Getreidefeldern - 3 Ernten - Weizen, Gerste, Hirse, Kaffee-, Bananen- und Baumwollpflanzungen, fetten grünenden Matten mit Viehherden (Zebus), prachtvollen Waldungen - liegen zwischen 2000-3000m Höhe. Die höchsten Erhebungen reichen bis 4620 m (Ras Dedjan). Schnee und Eis kann sich auf den höchsten Bergen nur einige Wochen halten. Dem Hochlande entspringen zahlreiche, stark wasserführende Flüsse, die meist in den Blauen Nil einmünden. Der Blaue Nil, auch Abbai, "Vater der Gewässer" genannt, tritt in 1755m Höhe als 200 m breiter und 3 m tiefer Fluß aus dem Tsana-See, einem natürlichen Staubecken, das 6mal so groß ist wie der Bodensee. Gewaltig sind die nutzbaren Kräfte, die in den ungeheuren Wassermengen, in dem starken Gefälle dieses mächtigen Flusses ruhen, der das abessinische Hochland bis zum Sudan mit einem Gefälle von 1300m durchströmt; unermeßlich die agrarwirtschaftlichen, industriellen, land- und forstwirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten, welche sich aus dem Bau von Stau- und Berieselungsanlagen ergeben. Die Bedeutung des Blauen Nils als Nährbasis für den Sudan und Ägypten ist bekannt, und groß war seit Meneliks Zeiten das Interesse Englands und neuerdings auch Amerikas an diesem Flusse und dessen Quellgebiet, dem Tsana-See. Der große Wasserreichtum, die klimatisch und hydrologisch günstigen äquatorialen Höhenlagen, die vegetationsreichen Hochebenen, die endlosen, sich über das ganze Land erstreckenden Trappdecken mit ihren tiefgründigen, lateritischen Verwitterungsböden, die teilweise in Schwarzerdeböden ("Dschika") übergehen, bilden die Hauptgrundlagen für die wirtschaftliche Entwicklung Abessiniens.