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Tektonische Zusammenhänge im niederrheinisch-westfälischen Steinkohlengebirge

Seidel, Gerhard

Kurzfassung

Es ergeben sich hinsichtlich der Entstehung, der relativen Altersverhältnisse und des Aussehens der Scharungsbilder der großtektonischen Störungen des Ruhrgebietes neue Gesichtspunkte und Folgerungen, wenn man versucht, bei Auswertung der Beobachtungsunterlagen den Gesetzen der technischen Mechanik Rechnung zu tragen. Diese Arbeitsweise ist ja im Prinzip schon lange bekannt und oft, so auch für das Ruhrgebiet, in Anwendung gebracht worden. Es ist jedoch, gerade was das Ruhrgebiet anbelangt, noch manche Frage offengeblieben, wohl nicht zuletzt deshalb, weil über die Faktoren Material und Zeit bei der Verformung geologischer Körper recht verschiedene Vorstellungen bestehen. Die großen südfallenden Wechsel des Ruhrgebietes, sog. Wechsel der ersten Folge, begleiten an Spezialfalten der großen Sättel häufig das Auf und Ab des Faltenwurfes. Sie galten bislang fast allgemein als vor der Faltung entstanden und als "mitgefaltet". Die großen nordfallenden Wechsel, sog. Wechsel der zweiten Folge, begleiten nicht das Auf und Ab der Falten. Sie werden daher als gegen Ende der Faltung entstanden angesehen. Zahlreiche Beobachtungsbilder ergeben, daß die Wechsel der ersten Folge nicht kontinuierlich in Mulden- bzw. Sattelkernen umgebogen sind, wie es für eine "Mitfaltung" erforderlich wäre, sondern daß sie sich aus selbständigen Teilstörungen zusammensetzen, die abwechselnd nach Nord bzw. Süd einfallen. Die Teilstörungen laufen jeweils in den Sattel- bzw. Muldenkernen unter Aufsplitterung aus. Die nordfallenden Teilstörungen erscheinen dann als streichende Abschiebungen. Oft ist es so, daß die aus nur einer größeren Störungsfläche bestehende südfallende Teilstörung von einer aus mehreren parallelen Störungsflächen zusammengesetzten Schar nordfallender Teilstörungen abgelöst wird oder umgekehrt Das Auftreten nordfallender Teilstörungen bei den Wechseln der ersten Folge ist stets dort zu beobachten, wo die Nordvergenz des Faltenbildes deutlicher wird. Die Anwendung technisch-mechanischer Gesichtspunkte führt nun zu der Vorstellung, daß die Wechsel der ersten Folge nicht vor, sondern während der Faltung entstanden sind. Im einzelnen ergibt sie, daß die südfallenden Teilstörungen der Wechsel erster Folge und die nordfallenden Wechsel der zweiten Folge ± gleichzeitig und erst danach die nordfallenden abschiebenden Teilstörungen der Wechsel der ersten Folge angelegt wurden.