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Neue Gesichtspunkte zur Verbreitung der Paludina diluviana in Mittel- und Westeuropa während des älteren Pleistozäns und in der Gegenwart

Steusloff, U.

Kurzfassung

Die Artberechtigung der von KUNTH (1865) aufgestellten Art ist viel umstritten, insbesondere ihre Beziehungen zu der heute in Mitteleuropa weitverbreiteten Paludina fasciata. Zuletzt hat V. FRANZ (1928) mit morphologischen und morphometrischen Methoden sich für die scharfe Trennung beider Arten eingesetzt und P. diluviana nach NEUMAYRS (1887) Vorgang an mediterrane Formen (P. pyramidalis) angeschlossen. Dieser Versuch befriedigt wenig, weil damit ein unberechtigter Gegensatz zwischen der angeblich mediterranen P. pyramidalis-diluviana und der angeblich mittel- bis westeuropäischen P. fasciata herausgehoben wird. Alle Paludinen sind zweigeschlechtlich und lebendgebärend; beide Arten verlangen als Wohnraum schlammige, aber Sauerstoff reiche Buchten von Flüssen; dazu sind sie wärmebedürftig. Beide konnten daher nur während der Warmzeiten des Pleistozäns in Mitteleuropa gedeihen. Sie fehlen daher in Ablagerungen der Kaltzeiten dieser Räume völlig. Untersuchungen von STEUSLOFF (1926) und besonders von SHADIN (1928) zeigen, daß beide Arten im Wolgagebiete nicht nur nebeneinander, sondern auch durcheinander gedeihen. V. FRANZ hat versucht, diese Tatsache durch Bastardpopulationen zu deuten. Es liegt viel näher, anzunehmen, daß Glieder eines variablen Formkreises vorliegen. Sein Mannigfaltigkeitszentrum liegt in Südosteuropa, etwa im Raume der unteren Donau. Dahin zog er sich während der Kaltzeiten zurück; von dort strahlte er allseitig nach Nordwest, Nord und Nordost aus, sobald eine Warmzeit sich entwickelte. Beide Arten scheuen Gebirgsflüsse, so daß der Zug Karpathen-Alpen-Pyrenäen umgangen werden mußte. Über die weiten wasserreichen Gebiete südlich der Ostsee sind die Glieder des pyramidalis-Kreises in Warmzeiten bis nach England vorgestoßen. Dabei sind, je nach Genanlage oder Selektionsdruck, bestimmte Varianten (jeweils die bauchigsten) in die Außenbezirke vorgedrungen. Eine Karte von SHADIN (1935) über die heutige Verbreitung von Süßwassermollusken in der UdSSR zeigt für die gegenwärtige Warmzeit völlige Übereinstimmung. Wie weit jedesmal der zeitliche Wandel innerer Faktoren oder äußere Einflüsse wirksam waren, läßt sich heute noch nicht übersehen.