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An-aktualistische Wesenszüge der Gegenwart

v. Bülow, Kurd

Kurzfassung

Wenn auch der Terminus "an-aktualistisch" sprachlich nicht ganz richtig gebildet sein sollte, so dürfte er doch verständlich sein: er soll zum Ausdruck bringen, daß die geologischen Faktoren der Gegenwart, zumal in exodynamischer Hinsicht, derart gruppiert sind, daß sie Schwierigkeiten in der Anwendung der aktualistischen Weise des Denkens und der Schlußfolgerungen bedingen. Zum Thema selbst handelt es sich nicht darum, neue oder unbekannte Tatsachen auszubreiten, sondern lediglich darum, bekannte Fakten in ungewohnter oder noch nicht ausgesprochener, vielleicht sogar neuer Sicht darzustellen. In aller Eindeutigkeit sei vorausgeschickt, daß es für die Erdgeschichtsforschung, die ja die Geologie in letzter und jeder Hinsicht ist, schlechterdings keine andere Weise des Vorgehens geben kann, als die, die man übereinkommensgemäß als "aktualistisch" bezeichnet. Daß es sie nicht geben kann, wird klar, wenn man das Wort auf seine simpelste Bedeutung zurückführt; Es bedeutet doch nichts anderes, als "vom Bekannten ausgehen, um zum Noch-Unbekannten zu gelangen". Zu fragen ist lediglich, wo die Grenzen dieser Methodik liegen. Der schematischen Anwendung der aktualistischen Methodik sind zwei natürliche Grenzen gesetzt: einmal ist es der exzeptionelle Charakter der erdgeschichtlichen Gegenwart, die mit der alpidischen Orogenese beginnt und die, wie alle orogenen und postorogenen Zeiten, von "normalen" Formationen unterschieden sind durch mehr oder minder extreme, zumindest verschärfte Klima- und (oder) Jahreszeitenkontraste, durch Belebung des exodynamischen Bogens des dynamischen Kreislaufs infolge der orogenetischen Verstärkung der allgemeinen Reliefenergie, durch beschleunigte Artbildung im Pflanzen- und Tierreich.