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Solifluktion

Schenk, Erwin

Kurzfassung

Wenn wir heute in unseren Landschaften in den Formen der Täler, den Gliederungen der Berghänge, in dem Aufbau der Böden und Bodenschichten die gestaltenden Kräfte der Glazialzeiten wiedererkennen, so ist das nicht zuletzt als schöne Frucht eines Kongresses zu werten: des Internationalen Geologenkongresses im Jahre 1910, der die Geologen aus aller Welt in polare Gebiete führte. In Spitzbergen wurde damit eine große Zahl von ihnen bekannt und vertraut mit den landschaftsprägenden exogenen Kräften und Vorgängen glazialer und periglazialer Bereiche. Dank dieser ungewöhnlich anschaulichen und eindrucksvollen Anregungen auf dem Boden periglazialer Geschehnisse und Kräftespiele wurden viele in die Lage versetzt, in den heimischen Gebieten ähnliche Bildungen aus der Glazialzeit wiederzuerkennen. Vor allem waren dies die Phänomene der massigen Solifluktion und der Frostmusterböden. Seither sind die Beobachtungen geradezu ins Ungeheure gewachsen, und eine verwirrende Fülle von Berichten und Deutungen wurden in diesen letzten 40 Jahren dargeboten. Bereits vor 20 Jahren stellte STECHE bei einer vergleichenden Untersuchung nicht weniger als 27 Theorien fest, die über die Frostmusterböden entwickelt worden waren. Inzwischen sind noch eine ganze Anzahl dazu gekommen. Aber selbst nach der so umfassend schönen Arbeit von TROLL (1944) über Solifluktion und Strukturböden aus der ganzen Welt erscheinen noch in jüngster Zeit Arbeiten mit Ausdeutungen der periglazialen bzw. subnivalen Formbildungen, die in überraschender Weise über schon lange gesicherte Erkenntnisse hinweggehen. Dies zeigt aber auch, daß die sichtende Ordnung, die TROLL (1944) in so dankenswerter Weise vorgenommen hat, trotz allem nicht befriedigend und überzeugend ist. Es liegt dies nicht zuletzt daran, daß das Grundgesetz der Strukturbildung und Solifluktion biser nicht mit genügender Genauigkeit formuliert worden ist. Dieser Mangel gibt den Spielraum frei, in dem die mannigfaltigen Faktoren, die die Frostbodenbildungen bestimmen, summarisch untergebracht werden können. Der Begriff der Solifluktion ist auf diese Weise vielfach zu einem Begriff für komplexe Vorgänge geworden. In der Erkenntnis der Mechanik und Genetik der Frostbodenstrukturen kommen wir damit aber nicht weiter. Es erscheint mir deshalb erforderlich, den wesentlichsten Faktor, die Solifluktion, klar und eindeutig zu definieren.