Original paper

Junge Tektonik im Wiener Becken

Kieslinger, A.

Kurzfassung

Das inneralpine Wiener Becken ist bezeichnenderweise an der Knickstelle zwischen Alpen und Karpaten eingebrochen, und zwar hat die Absenkung zu Ende des Helvets begonnen und zweifellos sehr lange angedauert. Durch die neueren geologischen Forschungen wurden nicht nur die schon seit langem bekannten Randbrüche feiner gegliedert (so z.B. die sog. "Thermenlinie" durch KÜPPER in eine große Zahl von Einzelbrüchen aufgelöst), sondern es ist besonders durch die Tiefbohrungen der letzten Jahrzehnte eine große Bruchzone, östlich parallel zur "Thermenlinie", festgestellt worden, die eine westliche Hochscholle und eine östliche Tiefscholle begrenzt. Der Beckenuntergrund ist an mehreren Stellen angetroffen worden und das vorhelvetische Relief auch durch geophysikalische Untersuchungen einigermaßen bekannt. Ein entscheidender Fortschritt war die Feststellung von STINI 1932, daß sich innerhalb des Senkungsgebietes noch tiefe, von quartären Schottern erfüllte, Tröge befinden, die Senke von Mitterndorf und die von Laasee. Besonders erstere ist in der allerjüngsten Zeit durch KÜPPER im Zuge von Grundwasserforschungen sehr genau abgegrenzt worden. An den Rändern des eigentlichen Wiener Beckens und eines Nebenbeckens, der Eisenstädter Senke, gestatten zahlreiche Steinbrüche im Leithakalk in ihren Klüftungen einen Einblick in den Mechanismus der Randstörungen. Gewisse Bewegungen, ein Abgleiten von Leithakalkschollen in das Beckeninnere, reichen eindeutig bis in die Gegenwart herein. Dies ließ sich besonders am Beispiel der Steinbrüche von Loretto und St. Margareten i. B. nachweisen. Schwierig ist die Einordnung dieser Bewegungen in die derzeit übliche Nomenklatur. Einerseits bieten die gewaltigen Zerrungsklüfte das typische Bild einer "Bergzerreißung", andererseits ist schwer einzusehen, wer anders den Platz für das Abgleiten der Schollen in das von dicht gelagerten Sedimenten erfüllte Becken bieten soll als eine echte Tektonik, d. h. ein Fortdauern der Beckenabsenkung. Es handelt sich also um Erscheinungen, die letzten Endes echt tektonische Ursachen haben bzw. die Folgeerscheinungen von solchen sind. Vielleicht wäre es zweckmäßig, für diese Art von Bewegungen eine eigene Bezeichnung, etwa "metatektonisch" einzuführen.