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Zur Gliederung der letzten Eiszeit in Europa (mit besonderer Berücksichtigung der eustatischen Meeresspiegelschwankungen)

Graul, Hans

Kurzfassung

Neben dem glazigenen Formenkreis im unmittelbaren Umkreis der alten Vergletscherungsgebiete sind die Ablagerungen und Formen, welche die eustatischen Meeresspiegelschwankungen beweisen, die sichersten stratigraphischen Dokumente zur Gliederung des Eiszeitalters. Beide Formengruppen stehen bekanntlich in einem solchen ursächlichen Zusammenhang, daß sie besser als andere eiszeitliche Bildungen miteinander parallelisiert werden können. Die jüngeren Arbeiten aus dem Mittelmeerbereich (u. a. A. C. BLANC und M. PFANNENSTIEL) versuchen nachzuweisen, daß während der Flandrischen Transgression, die nach einem Meeresspiegel-Tiefstand von rund - 90 m nach Hochwürm einsetzte, 2-3 Transgressionsverzögerungen bis schwache Regressionen bestanden. Da die Unterbrechungen der Flandrischen Transgression überall nur wenige Meter betragen, stehen diese Beobachtungen im stärksten Gegensatz mit den Annahmen von F. E. ZEUNER. Nach ihnen soll während der Würmzeit noch ein Hochstand bis + 1 bis + 3 m und dann ein abermaliger Tiefstand bei - 70 m erreicht worden sein. So wenig wie im Mittelmeergebiet ist aber auch im Nordseeküstensaum von Holland-Friesland eine derartige Unterbrechung der Flandrischen (aber auch nicht der älteren Eem-) Transgression zu beobachten. In diesem Zusammenhang ist bedeutsam, daß das berühmte Deckschichtprofil auf den Somme-Terrassen bei St. Acheul (nach BREUIL und KOSLOVSKI) im Hangenden der Acheul VI bis VII und Micoque führenden Argil rouge des älteren Lößes der jüngere Löß nur eine 20 cm mächtige Lehmlage mit hangendem "cailloutis"-Horizont (mit Levallois V) zeigt. Lehmlage und die "Cailloutis" sind am ehesten als Fließerde zu deuten, die vielleicht am besten mit dem "Naßhorizont" des hangendsten Lößes in SW-Deutschland (nach FREISING) zu parallelisieren ist. Zu revidieren sind daher auch die Datierungsversuche von BRANDTNER (1950) und LAIS (1951) in den Lößen des Mitteldonaugebietes, die sich eng an die SOERGEL-ZEUNER'sche Gliederung anschließen und den Göttweiger Laimen (= Argil rouge) ins Würm I/II stellen. Die Revision kann am besten ansetzen an die von BRANDTNER gezeichnete würmzeitliche Klimakurve, in die stärkste Klimaschwankungen hineinkonstruiert sind und die u. a. die größte Kältespitze im Würm II zeigt, der ein eustatischer Meeresspiegel von - 5 m entsprechen soll (!). Die Verworrenheit dieser stratigraphischen Versuche wird noch deutlicher, wenn man sich erinnert, daß von der SOERGEL'schen Schule der Pommersche Eisstand bzw. die Innere Jungendmoräne des Alpenvorlandes (Stein-Singen) als Würm II bezeichnet werden.