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Diskussionsbemerkung zum Vortrag WOLFGANG RICHTER "Bemerkungen zur Auswertung geoelektrischer Meßergebnisse aus dem Raume der deutschen Nordseeküste".

Nöring, F.

Kurzfassung

Wenn der Vortragende die heutige Verteilung der Salz-Süßwasser-Grenze mit einer Transgression der Nordsee vor etwa 2000 Jahren in Zusammenhang bringt, so ist der Beweis dafür zu führen, da andere Deutungen plausibler sind. Sehen wir von mehr oder minder abgekapselten Speichern ab, in denen sich fossiles Meerwasser befindet, so muß die Grenze zwischen Salz- und Süßwasser als eine dynamische Gleichgewichtslage angesehen werden. Binnenwärts ist das Streben des schwereren Meerwassers gerichtet, seewärts der Abfluß des sich auf dem Kontinent bildenden leichteren, süßen Grundwassers. An der Kontaktzone der beiden Grundwasserarten findet Diffusion statt. Doch bewirkt der seewärts gerichtete Fluß des süßen Grundwassers eine dauernde Wegführung des Diffusionswassers, so daß sich nur eine geringmächtige Brackwasserzone herausbilden kann. Laufend wird der Salzwasserverlust durch binnenwärts gerichteten Zustrom marinen Infiltrationswassers ausgeglichen. Infolge dieser Dynamik wird die Salz-Süßwasser-Grenze im Schnitt binnenwärts zunächst flach, dann steil einfallen. In einem homogenen Grundwasserleiter wird die Grenze vor allem von folgenden Konstanten bestimmt: Spezifisches Gewicht des Meerwassers, spezifisches Gewicht des Grundwassers, Durchlässigkeit des Grundwasserleiters, Menge des vom Binnenland anströmenden Grundwassers. Da der letztgenannte Faktor meteorologisch oder infolge von Grundwasserentnahmen schwankt, wird auch die Grenze ihre Lage ändern. Daß die Grenze ihre heutige Lage von einer 2000 Jahre zurückliegenden Transgression aufgeprägt erhielt, erscheint für grundwasserdurchströmte Untergrundsbereiche auf Grund einer überschlägigen Rechnung unvorstellbar. Rechnet man mit einer jährlichen Grundwasserneubildung von 100 mm und einem Porenvolumen von 0,25, so hat sich in 2000 Jahren eine Grundwasserschicht von 800 Metern gebildet. Diese Grundwassermenge hat längst jede fossile Gleichgewichtslage der Salz-Süßwasser-Grenze, wenn sie mehrere Jahrhunderte zurückliegt, beseitigt. Da hinter dem Grundwasserdurchfluß die sich in einem binnenwärts gerichteten Einzugsgebiet bildende Grundwassermenge steht, darf sogar für durchlässige, durchströmte und nicht abgekapselte Grundwasserleiter in der Regel angenommen werden, daß die Wiederaussüßung mit der Regression des Meeres Schritt halten konnte.