Original paper

Zum Verankerungs-Problem der kalkalpinen Decken im Bereich des Wetterstein-Gebirges

Kraus, Ernst

Kurzfassung

Auf dem Naturforschertag in Königsberg i. Pr. konnte Verfasser im Vortrag am 13. Sept. 1930 (veröffentlicht 1931) als Ergebnis umfangreicher fremder und eigener Geländekartierungen die Alpen als "Doppelorogen" darstellen. Es ergab sich die nach der Unterströmungstheorie anzunehmende Definition des zweiseitigen Orogens. Allgemein-geodynamische Erwägungen 1933 und als Beispiel das Buch "Der Bauplan der Alpen" 1936 stützten den Gedanken, daß die Deckenbewegung keine Folge oberflächen-nächster, durch Emporquetschung aus (merkwürdigerweise immer senkrechten) "Wurzelzonen" in Gang gesetzter Horizontalschübe sein kann. Abgesehen von den z.T. schon 1906 und später durch OTTO AMPFERER gebrachten geomechanischen Gegeneinwänden sprach ja gegen jene anfängliche Wurzelhypothese vor allem die Tatsache, daß eine tektonische Deckenbewegung, wenn man sie "wurzelfern" in bestaufgeschlossenem Gelände untersucht, nicht überall weitergeht, sondern allmählich aufhört. Dann verankern sich nämlich die Decken mit ihrer Unterlage; sie gehen in diese über. In der Schweiz, wo die alpine Deckentheorie dank ausgezeichneter Geländeaufnahmen gegen Ende des letzten Jahrhunderts erwuchs bzw. zu allgemeiner Anerkennung gelangte, gibt es allerdings sehr weitreichende Decken und isolierte Klippen, bei denen jene "wurzelferne" Verknüpfung nicht nachgewiesen ist. Wir sprechen hier nicht von der besonders gearteten, nämlich offenbar bathyrhealen Bildungsart der helvetischen, penninischen und unterostalpinen Decken, wie sie in der "Baugeschichte der Alpen" 1951 und später begründet wurde. Bei dem nachfolgend zu behandelnden Beispiel aus den nördlichen Kalkostalpen dürfte es sich um hyporheale Deckenbewegung handeln, das heißt, um Unterströmungsfolgen in einem gegenüber dem bathyrhealen weniger tiefliegenden Bewegungsstockwerk der Erdrinde. Daß die Decken-Ausschuppung in den Nordkalkalpen eine höchstens parautochthone sei, war in den Ostalpen klar. Aber einige Geologen zweifelten daran, als in begreiflicher Analogie zu den großartigen Deckenbewegungen in der Schweiz (nicht in den französischen Alpen) P. TERMIER, dann L. KOBER und R. STAUB den Gedanken vertraten, es könnten die nördlichen Kalkalpen durch einen Riesenschub aus den Südalpen über die metamorphe Zentralkette hinübergeschoben worden sein. Dies vielleicht durch einen dinarischen "traîneau écraseur" bzw. durch die heranrückende Kontinentalplatte Afrikas.