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Die Geologie im Unterrichts- und Bildungswesen unserer Zeit - Was ist zu tun?

Müller, Otto

Kurzfassung

"So kann man es heute wohl wagen, dem Menschen seine Erde vorzustellen und sie, die ihm Haus und Nahrung ist, auch seinem geistigen und menschlichen Umgang zu empfehlen." Hans CLOOS, "Gespräch mit der Erde". I. Die vielseitige Bedeutung der Wissenschaft von der Erde ist dem größten Teile der Zeitgenossen noch nicht bewußt geworden: 1. materiell: Fruchtbarkeit der Erde - Wasser - Siedlungsgrund - wo wir Straßen, Eisenbahnen, Kanäle anlegen - Bodenschätze - der Geologe erschließt die Gaben der Erde; alle Kulturstaaten stellen alljährlich bedeutende Mittel für die Zwecke der geologischen Forschung bereit. 2. ideell: Der Mensch reist auf der Erde umher und versucht, sich die Heimat zu erwandern und sie zu verstehen. Das geringste Verständnis eines jeden Zuges im Landschaftsbilde ist aber nur demjenigen möglich, der um das Werden desselben weiß und wenn er selber im Buche der Erde lesen lernte. Zur Kultur gehört auch - wenn sie nicht einseitig bleiben soll - ein lebendigfarbiges Bild davon, daß in den Schichten der Erde die Entwicklung des Pflanzen- und Tierlebens geschrieben steht und in den jüngsten die Geschichte unseres eigenen, menschlichen Aufstieges. Damit berührt die Wissenschaft von der Erde - als Schöpfungsgeschichte des 20. Jahrhunderts - größte und einmalige Fragen, die den Menschen bewegten, seitdem er zu denken begann, und trägt einen wesentlichen Anteil zu ihrer Beantwortung bei. Im ganzen gesehen: Geologie und Paläontologie mit jedem ihrer Zweige sind berufen, eine Schlüsselstellung einzunehmen unter allen Wissensgebieten, die sich mit den materiellen und geistigen Voraussetzungen des menschlichen Daseins befasse n. II. Unsere Schul- und Volksbildung versagt jedoch dort, wo der Mensch der Natur gegenübersteht, die ihn umgibt und aus der er selber heranwuchs. Das Wissen um die Natur und ihre Gesetze ist noch kein wesentlicher Bestandteil der Kultur geworden; das ist einer der Gründe dessen, was unter Kulturkrise verstanden wird.