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Tektonische Einzelbilder des Ruhrkarbons und ihre Deutung

Seidel, G.

Kurzfassung

Die Vielfalt der tektonischen Einzelheiten, die die zahlreichen tektonischen Aufschlüsse und Grubenunterlagen des Ruhrkarbons vermitteln, führen zwar einerseits zu einer Komplikation des tektonischen Bildes, andererseits bieten sie aber auch ein vielseitiges Unterlagenmaterial, das erlaubt, an manche anscheinend schon gelöste Fragen mit neuen Gesichtspunkten heranzugehen. Zu einer dieser immer wieder betrachteten Fragen gehört z. B. die nach dem Alter der Querstörungen in bezug auf die Faltung. Im allgemeinen vertritt man heute noch die Auffassung, daß die überwiegende Mehrzahl der großen Querstörungen nach Abschluß der Faltung als Zerrsprünge aufgerissen sind und daß bei einigen von ihnen, den sog. diagonalen Blättern, auch horizontale Bewegungen mitgewirkt haben müssen. Beobachtungen, daß auch horizontale Bewegungskomponenten zur Erreichung des heutigen Status der Schollenverlagerung an großen Querstörungen mitwirkten, haben sich, nach den wohl mit ersten Angaben darüber in dem umfassenden Buch von KUKUK, stetig vermehrt. Für die Frage nach dem relativen Alter der großen Querstörungen ergeben sich nun bei Behandlung der tektonischen Einzelformen Gesichtspunkte, die zu einer von der bisherigen abweichenden Auffassung führen. Nach dieser neuen Auffassung sind die großen Querstörungen während der Faltung als Teil des gleichen orogenetischen Vorganges entstanden, und zwar als Schrägabschiebungen. Elastomechanisch angesehen sind sie Scherflächen, die zwar mit "anderen Mitteln", aber doch im Endeffekt ähnlich wie die Schichtverbiegungen an der lateralen Einengung der Schichten teilhaben. An den Querstörungen gelegentlich zu beobachtende reine Zerrungserscheinungen, z. B. am Primus auf Hannover-Hannibal, lassen sich immer als sekundäre Fiedereffekte erkennen. Diese Auffassung ist nicht ganz alleinstehend. PATTEISKY ist schon früher, wie er freundlicherweise mitteilte, zu einer ähnlichen Meinung gekommen. Der Vortragende hatte schon vor einigen Jahren darüber an anderer Stelle berichtet. Auf Grund gefügekundlicher Untersuchungen kommt auch nach freundlicher Mitteilung PILGER jetzt dazu, die Entstehung der Querstörungen in den Ausgang der Faltung zu verlegen. Betrachtet man nämlich die Störungs- und Faltungstektonik unter diesem Gesichtspunkt, so ist folgendes zu beobachten. In den großen Zügen lassen sich die Faltenformen wohl über die Querstörungen hinweg verfolgen. Besieht man aber Einzelheiten, Spezialfalten bzw. kleinere Überschiebungen, so ist eine Verknüpfung über die Sprünge hinweg meist nicht mehr möglich, bzw. es ändern die evtl. verknüpfbaren Faltenelemente an den Störungen schlagartig ihre Form.