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Über die Morphogenetik der Dolinen mit besonderer Berücksichtigung von Südwestdeutschland

Geyer, O. F.

Kurzfassung

Ein dem Menschen seit den ältesten Zeiten als äußerst eigenartig bekannter Landschaftstypus ist die Karstlandschaft. Zusammen mit den Höhlen bilden die Dolinen morphologisches Hauptcharakteristikum des Karstes. Der Name "dolina" stammt aus dem Slowenischen, wurde aber ursprünglich nur in der Gegend von Ljubljana-Planina für diese an der Oberfläche gelegenen Karstformen verwendet. Im deutschen Sprachgebrauch finden sich hierfür die Namen Erdfall, Trichter oder Saugloch. Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts stritt man sich über die Entstehung der Dolinen: Lösungstheorie (MARTEL, MOJSISOVICS, DIENER u. a.) und Einsturztheorie (VIRLET, TIETZE, Cox u. a.) standen sich gegenüber. Es ist das Verdienst von CVIJIC in seiner bekannten Schrift "Das Karstphänomen. Versuch einer morphologischen Monographie" (1893), eine erste Klarstellung der Begriffe gegeben zu haben. Es ist teilweise versucht worden, eine morphogenetische Klassifikation der Dolinen aufzustellen. Meines Erachtens ist es aber zweckmäßiger, die morphologische Einteilung von einer genetischen Systematik zu trennen. Man darf bei einer Diskussion hierüber nie vergessen, daß Morphologie, Auskleidung, Ausfüllung, Funktion und Exposition zwar recht wichtige und oftmals alleinige Hinweise zur Genetik geben, jedoch nicht als typisch für eine einzige und bestimmte Entstehungsweise gelten können. Abweichungen und Übergänge werden im übrigen durch Beschreibungen besser gekennzeichnet als durch neue Namen. Die morphologischen Haupttypen sind: Karstwanne (Schüsseldoline, Uvala); Karsttrichter (Trichterdoline); Karstbrunnen (Karstschlot, brunnenartige Doline) mit dem Sonderfall "light hole"; Spaltendoline (Trebic-Typus); Karstgasse; Karrendoline. Diesen morphologischen Typen stehen 4 genetische Typen gegenüber: Lösungsdoline; Einsturzdoline; Bodensenkungsdoline; Erosionsdoline. Die lösende Wirkung des Wassers im verkarstungsfähigen Gestein ist natürlich primäre Ursache aller Dolinenbildungen, wie überhaupt sämtlicher Karsterscheinungen. Die Lösungsdoline ist fast ausschließlich auf diese Korrosionswirkung zurückzuführen. Durch Einsturz von verkarstetem Gestein über Höhlenräumen entsteht die Einsturzdohne; während für sie die mehr oder weniger plötzliche Bildung bezeichnend ist, kann für die Lösungsdoline das allmähliche, sukzessive "Hineinlösen" als Charakteristikum gelten. Die Bodensenkungsdolinen finden sich im bedeckten oder unterirdischen Karst: infolge der Auflösung von Karstgestein unter einer Schicht von nicht verkarstungsfähigem Gestein sackt entweder die unlösliche Oberschicht langsam nach (Nachsackungsdoline) oder sie bricht plötzlich ein (Erdfall i. e. S.). Es sind also sowohl unter Bedeckung liegende Lösungsdolinen wie auch echte Einsturzdolinen Primärformen der Bodensenkungsdolinen. Die Erosionsdolinen sind ursprüngliche Korrosionsformen, bei welchen - bedingt durch günstige Exposition - die abspülende Wirkung des Wassers (Korrosion) im Laufe der Zeit überwiegt.