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Die Geologie in der Volksschule und volkstümlichen Bildung

Müller, Otto

Kurzfassung

1. Die uns oft gestellte Frage "Warum treiben Sie Erdgeschichte in der Volksschule? Die Kinder können doch später in keinem Berufe etwas damit anfangen," läßt sich mit der Gegenfrage beantworten: "Warum Geschichte, Literatur, Kunst, Religionsunterricht?" und "Ist die Schule nur für den zukünftigen Beruf da, oder gibt es daneben nicht auch noch den Menschen, dem sie etwas mitzugeben hat?" Mensch und Beruf bilden selten noch ein harmonisches Ganzes, die Arbeit hat zur Seele oft keine Beziehungen mehr, die 40-Stunden-Woche stellt den Erzieher vor die Entscheidung, an der sinnvollen Gestaltung der Freizeit mitzuwirken oder vor der Vergnügungs- und Unterhaltungsindustrie zu kapitulieren. Seit einem halben Jahrhundert wurde der Ruf "Zurück zur Natur" Volkssache, wobei diese große und anfangs vielversprechende Bewegung einstweilen bedenkliche Folgen zeitigte, weil es nicht gelang, ihr einen menschlich wertvollen Inhalt zu geben. Die entwurzelten Menschen, die in ihren aufgeschlosseneren Gliedern doch auch ein Sehnen und Ahnen mitbringen von einer Bindung an ewige, höchste Werte, stehen der Natur größtenteils hilflos, ahnungs- und kenntnislos gegenüber; das gilt für Pflanzen und Tiere in ihrer Vielgestaltigkeit und mehr noch für alle Fragen, auf die eine noch junge Wissenschaft von der Erde mit beachtlichen Ergebnissen eine Antwort zu geben versucht. Ihre Bedeutung für die Volksbildung läßt sich nicht mehr mit den auf längst veralteten Vorstellungen beruhenden Einwänden mancher Schulmänner abtun, daß es sich um irgend eine Art von Spezialistentum handle oder um trockenen Wissensstoff von Gesteinen, Mineralen, Fossilien, Schicht- und Zeitalterfolgen mit fremdklingenden Namen ohne Inhalt, die man einmal nach dem Leitfaden Seite X auswendig lernte.