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Ein Querschnitt durch die Nördlichen Kalkalpen (Oberstdorf-Pettneu)

Huckriede, Reinhold; Jacobshagen, Volker

Kurzfassung

Vor fast einem halben Jahrhundert, in der Frühzeit deckentheoretischer Interpretation der ostalpinen Tektonik, unternahmen AMPFERER & HAMMER (1911) den Versuch, mit dem weitgehend auf eigenen Kartierungen fußenden Querschnitt vom Allgäu zum Gardasee ein Gesamtbild des Ostalpenbaues zu geben. Seit jener Zeit ist zwar eine Fülle von Untersuchungen über den Bau der westlichen Ostalpen veröffentlicht, ein weiteres Querprofil durch die Allgäuer und Lechtaler Alpen aber nicht mehr aufgenommen worden. An jüngeren Kalkalpenquerschnitten gibt es im betrachteten Gebiet nur schematische Konstruktionen nach schon vorliegenden geologischen Karten, vor allem nach jenen von AMPFERER (z. B. R. STAUB in ALBERT HEIM 1922, Taf. 35, und MEDWENITSCH in KOBER 1955, Abb. 70). Inzwischen hat sich erwiesen, daß die Vorstellung eines großlinigen Deckenbaus den Lagerungsverhältnissen im Westteil der Nördlichen Kalkalpen nicht gerecht wird. Aus den Arbeiten von BEURLEN (1944), KRAUS (1949), KOCKEL (1954) und RICHTER & SCHÖNENBERG (1954), die auf ausgedehnten Neubegehungen fußen, ergibt sich, daß dort vermeintliche Deckenüberschiebungen seitlich aus geneigten Falten hervorgehen, und demnach als Überschiebungen zweiter Ordnung mehr oder weniger ausgedehnten Schuppen angehören, während Deckschollen als Pilzsättel bzw. autochthone Klippen und Fenster als zugeschobene Mulden gedeutet werden müssen (vgl. KOCKEL 1956). Diese Auffassungen wurden neuerdings an besonders charakteristischen Stellen durch großmaßstäbliche Kartierungen erhärtet, die sich auf eingehende stratigraphische Untersuchungen (besonders der Allgäuer Fleckenmergel) stützen und unter Anwendung der tektonischen Gefügeanalyse B. SANDER's ausgeführt wurden (HAMANN & KOCKEL 1956 und HAMANN 1956, HUCKRIEDE 1956, V. JACOBSHAGEN 1957). Daß sich diese Rückkehr zu gebundener Tektonik gerade in jenem Gebiet der Nördlichen Kalkalpen vollzog, aus dem einst ihre klassische Deckengliederung abgeleitet wurde, läßt weitreichende Folgen auch für ihre übrigen Teile erwarten.