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Rückblick auf die Entwicklung der Deckentheorie im Harz

Schwan, Werner

Kurzfassung

1927 war ein entscheidendes Jahr in der Geschichte der geologischen Auffassungen über den Harz: Es brachte die Einführung der Deckentheorie durch KOSSMAT, die dann an 20 Jahre mehr oder weniger vorherrschend blieb. Trotzdem vollzog sich, schon in dieser Zeitspanne, ein Abbau der Theorie, zuerst nur langsam, zuletzt aber - als kleintektonische und feinstratigraphische Untersuchungsmethoden im Harz zur Anwendung kamen - relativ schnell. Diese Entwicklung nach Einführung der Deckentheorie wurde von Prof. GALLWITZ in einem Vortrag über den "Abbau der Deckentheorie im Harz" geschildert. Am Ende dieser Entwicklung bildete sich die heutige Vorstellung von einem ± bodenständigen, aber sehr disharmonischen Falten- und Schuppenbau des Harzes heraus. Sie wurde vom Verf. in einem Vortrag über "Gliederung und Faltung des Harzes in Raum und Zeit" (Geotektonisches Symposium, Stuttgart 1956) wiedergegeben. Im folgenden sei nun ein Rückblick auf die Gründe dieser Entwicklung und speziell auf deren Anfang getan. Mit der Deckentheorie KOSSMATS kamen neue Ideen in die einfacheren tektonischen Vorstellungen vom Harz in der Zeit vor 30 Jahren. Die Anwendung und die Anerkennung deckentheoretischer Erklärungen im Harz waren in der damaligen Zeit durchaus verständlich. Erstens kam mit KOSSMAT ein bedeutender Tektoniker aus den Alpen in das Variszikum, dessen Augen an das Bestehen von Deckenstrukturen gewöhnt waren. Und zweitens liegt im Harz ein im Hinblick auf Fazies und Bau so kompliziertes Stück Variszikum vor, daß man mit einfachen tektonischen Vorstellungen hier nicht weiterkam. So sagte DAHLGRÜN damals z. B. in bezug auf den Elbingeröder Komplex, daß dieser "keine Mulde sein kann, denn eine solche allseitige Überfaltung ist eine Unmöglichkeit bei dem Vorgang der Faltung nach unserer heutigen Auffassung" (1927. S. 307).