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Zum tektonischen Bau der Nordtiroler Kalkalpen

Heissel, W.

Kurzfassung

Die Frage, ob Deckenbau im alten Sinne oder "gebundene Tektonik" in den Nordtiroler Kalkalpen herrscht, steht zur Zeit im Vordergrunde der Diskussion. Eine Gesamtbetrachtung des Raumes der Nordtiroler Kalkalpen zeigt, daß sich bis auf einige wenige strittige Stellen die alten Deckengrenzen über weite Strecken geschlossen durchverfolgen lassen. Auch die, in den von diesen Deckengrenzen umschlossenen Räumen vorhandenen Großstrukturen, wie durchgreifende große Mulden- und Sattelzonen oder aufgebogene Muldenränder, streichen viele Dutzende von Kilometern durch, wie z. B. die große Fleckenmergel-Mulde der Lechtaler Alpen über 60 km, die Neokom-Mulde des nördlichen Karwendel und des Sonnwend-Gebirges über 80 km, bei Hinzufügen der mutmaßlichen Ostfortsetzung sogar über 110 km. Diese großen Bauelemente kennzeichnen die einzelnen Einheiten. Eine andere Fleckenmergelmulde am Nordrande der Inntal-Decke in den Lechtaler Alpen streicht nicht aus der Lechtal-Decke in die Inntal-Decke, sondern unter diese hinein. An den wenigen Stellen, an denen die Deckengrenze im Sinne eines Zusammenhanges der einen mit der anderen Einheit gedeutet werden kann, handelt es sich nicht um einen Beweis gegen den Deckenbau, sondern höchstens um Stellen, die, nach beiden Richtungen, für und gegen den Deckenbau ausgedeutet werden können. Eine ähnliche, umstrittene Stelle liegt im Gebiete von Luitpold-Zone und oberer Bärgündele-Alm in den Allgäuer Alpen. Hier fand der Vortragende aber Verhältnisse vor, die vollkommen eindeutig die alte Deckenauffassung festigen. Die Luitpold-Zone in den Allgäuer Alpen ist ebenso ein Halbfenster, wie es das des benachbarten Hornbach-Tales ist. Dessen Sattelstruktur läßt sich noch in der auflagernden Lechtal-Decke rund 10 km weiter gegen Osten verfolgen und bewirkt zwischen Namlos und Kelmen eine Queraufwölbung in der hier durchstreichenden großen Mulde aus Lias-Fleckenmergeln. Die Existenz des Halbfensters im Hornbachtal wurde auch durch die nach dem Vortrag erschienene Arbeit von R. HUCKRIEDE und V. JACOBSHAGEN nicht erschüttert.