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Die Erde lebt

Fischer, G.

Kurzfassung

Mit WEGMANN (29) betrachten wir als Aufgabe der Wissenschaft eine Ordnung des "Chaos", das uns umgibt. Jeder Versuch einer solchen "Ordnung" muß notwendigerweise das vielfältige Netzwerk der Beziehungen vereinfachen, und das besorgt der Mensch mit Leidenschaft bis zu einer chemischen Formel, oder einer logarithmischen Kurve, oder zu einem Gedankengebäude, in dem ein oder wenige Leitgedanken alles andere funktionell beherrschen. Das ist so lange ungefährlich, als man sich daran erinnert, daß das luftige Gedankengebäude eine Abstraktion ist, die von anderen, ebenso wichtigen Beziehungen Abstand nehmen mußte, um eben eine bestimmte Gruppe von Zusammenhängen in das Blickfeld zu rücken. Auch in der Geologie und Geophysik liegen die Dinge wie eben geschildert. Wir arbeiten mit vereinfachten "Modellen" des Aufbaues der Erde, die den wenigen Daten genügen, die über die Erde bekannt sind, wie der mittleren Dichte des ganzen Körpers, der viel geringeren Dichte der Gesteinshülle, dem Verhalten von Stoßwellen, die anzeigen, daß die Leitfähigkeit des Erdkörpers in gewissen Sprungschichten eine plötzliche Veränderung erfährt, die für eine diskontinuierliche Zunahme der Dichte nach der Erdmitte hin spricht. Seit langem hat sich in unserer Wissenschaft die Auffassung durchgesetzt, daß diese Diskontinuitäten im physikalischen Verhalten ebensolche Diskontinuitäten in der stofflichen Zusammensetzung der verschiedenen Erdschalen bedeuten. Nur KUHN-RITTMANN (17) haben versucht, eine abweichende Deutung zu geben. Sie versuchten den Erdkern als hochkomprimierte Sonnenmaterie zu deuten. Trotzdem vieles aus ihrem Gedankengang besticht, ist es ihnen nicht gelungen, die Überzeugung zu erschüttern, daß die verschieden zusammengesetzten Meteoriten ein Abbild auch des Schalenbaues unserer Erde darstellen, wie dies die verschiedenen Modelle der Erde von GOLDSCHMIDT, DALY (4, 5), BUDDINGTON vor Augen stellen.