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Gefüge und Oberflächen-Kleinformen der Wattensedimente

Reineck, H.-E.

Kurzfassung

Die Untersuchungen des Aktuogeologen gehen nicht vom Gestein, sondern vom Bildungsraum selbst aus; der Aktuogeologe bringt die dort herrschenden Kräfte und die den Bildungsraum charakterisierenden Vorgänge in Erfahrung und beobachtet, in welcher Art und in welchem Ausmaße die beobachteten Kräfte und Vorgänge sich als fossilisierbare Urkunden im werdenden Gestein niederschlagen. Wenn gesichert ist, welche Urkunden von bestimmten Vorgängen und Kräften erzeugt werden, dann wird es wiederum möglich, aus gleichartigen Urkunden, auch wenn sie fossil vorliegen, auf die erzeugenden Kräfte und Vorgänge zu schließen. Die Gesamtheit der anorganogenen Charakteristika eines Gesteins oder, mit anderen Worten, die Gesamtheit seiner anorganogenen Urkunden nennt MOORE (1949) "Physiofazies" (analog Biofazies, welche die Gesamtheit aller biologischen Charakteristika einer Ablagerung bezeichnet). Der Begriff Physiofazies dürfte sich wohl mit unserem Begriff "Lithofazies" decken, und wir wollen im weiteren auch von Lithofazies statt von Physiofazies sprechen. Bei der Entschlüsselung anorganogener, fossiler Urkunden ergibt sich zunächst keineswegs eine vorstellbare Landschaft als Bildungsraum. Es entsteht nur ein Bildungsraum, der durch das Vorhandensein bestimmter Kräfte und Vorgänge gekennzeichnet wird; es entsteht nach MOORE (analog dem Biotop) ein "Physiotop". Stellen wir uns als Modellfall einen Gesteinskörper vor, der Rippenschrägschichtung und eingelagerte dünne Ton- oder Schlufflagen enthält, der also das bekannte Bild der Flaser- und Linsenschichtung zeigt. Aus diesen Schichtungsarten können wir auf einen Physiotop schließen, in dem wechselnd Strömung oder Seegang und Stillwasser herrschten. Strömung oder Seegang frachteten den Sand in Rippelform, daher die Rippelschrägschichtung; Stillwasser ließ den Absatz von Ton und Schluff zu. Der besagte Physiotop kann in einem Flußsystem mit Flußschlingen, in einem Gezeitenmeer, in einem gezeitenlosen Meer oder in einem Süßwassersee realisiert gewesen sein. Erst wenn weitere Urkunden den Physiotop näher bestimmen, z. B. Urkunden über polar gerichtete Strömungen oder nur Seegang ohne Strömungen usw., und wenn die Beschreibung des Biotops, hervorgehend aus der vorliegenden Biofazies, den Bildungsraum enger umreißen, können wir ihn mit zunehmend größerer Sicherheit als "Landschaft" rekonstruieren.