Original paper

Zur frage der Wanderung der ostfriesischen Inseln auf Grund neuerer geologischer Befunde.

Kramer, J.

Kurzfassung

In den Nachkriegsjahren sind von der Forschungsstelle in Zusammenarbeit mit der Niedersächsischen Landesstelle für Marschen- und Wurtenforschung sowie dem Amt für Bodenforschung verschiedene geologische Untersuchungen unternommen worden, um für die Planung wasserbautechnischer Maßnahmen, durch welche die ostfriesischen Inseln gegen den Angriff des Meeres gesichert werden sollen, weitere Erkenntnisse zu gewinnen. Neben rund 1000 Bohrungen, die im Insel- und Wattengebiet von Juist bis Spiekeroog seit 1949 zum Aufschluß des holozänen und pleistozänen Untergrundes niedergebracht worden sind, wurde eine Reihe aktuo-geologischer Untersuchungen, die sich mit dem marinen und äolischen Sandtransport befassen, in Angriff genommen. Weiterhin ermöglicht es die Auswertung historischer und kartographischer Quellen, die seit Mitte des 16. Jahrhunderts vorliegen, den Entwicklungsablauf in der jüngsten Zeit nachzuzeichnen. Die früher vertretene Anschauung, daß die ostfriesischen Inseln stetig westostwärts verlagert worden sind, wurde schon seit längerer Zeit nicht mehr aufrecht erhalten. Jedoch zeigen erst die systematisch über ein größeres Gebiet verteilten Bohrungen, daß die Gestaltung des Untergrundes dagegen spricht. Die heutige Tiefe (im Durchschnitt 15 m) der Seegate zwischen den Inseln, die auch für die Vergangenheit angenommen werden kann, würde bei einer gleichmäßigen Verlagerung dazu geführt haben, daß das teilweise bis oberhalb NN - 8 m ansteigende Pleistozän abgetragen worden wäre. Das Vorhandensein dieser pleistozänen Erhöhungen zeigt, daß die Annahme einer stetig westostwärts gerichteten "Wanderung" der ostfriesischen Inseln nicht haltbar ist. Die Westenden der Inseln unterliegen dem Abbruch durch Brandung und Strömung. Zugeführt dagegen wird Sand aus dem Riffgürtel, einer Kette von Sandbänken, die sich jeweils von Ostende der westwärtigen bis zum Westende der ostwärtigen, durch das Seegat getrennten Inseln hinüberzieht. Der Verlauf des Riffgürtels ist abhängig von der Größe des zwischen den Inseln liegenden Seegates. Er ist das Ergebnis des westostwärts gerichteten Sandtransportes, der sich aus dem Ein- und Ausstrom von Flut und Ebbe im Seegat ergibt.