Original paper

Über das Verhältnis von reiner und angewandter Geologie

Becksmann, E.

Kurzfassung

Nicht selten ist die keineswegs immer scherzhafte Neigung zu verspüren, die "angewandte" Wissenschaft als jüngeres Kind der "reinen" abwertend als mindere Wissenschaft anzusehen, ja sogar, ihr jeden wissenschaftlichen Bang abzusprechen, offenbar, weil es sich um Wissenschaft handle, die nicht mehr um ihrer selbst willen betrieben wird, aus sich selbst heraus lebt. Wie liegen die Dinge, objektiv gesehen, in der Geologie? Frühzeitig kam vom Bergbau der Anreiz und die Anregung, Erkenntnisse und Erfahrungen von Geologie, Mineralogie-Petrographie und Chemie zur Klärung der Vorgänge der Anreicherung nutzbarer Stoffe und ihrer Raumprobleme zu nützen. Diese sich allmählich klärende Fragestellung der Lagerstättenkunde als einem bezeichnenden Grenzgebiet zwischen mehreren Wissenschaften zugleich hat sich dann auch auf die nicht nutzbaren Stoffe ausgeweitet und Wesentliches zur Geochemie und Tektonik beigetragen, ganz zu schweigen von den Rückwirkungen der Kohle- und Erdölforschungen auf die Geologie. In andersartiges, weites Neuland zwischen Geologie und Physik, Chemie, Bodenkunde, ja sogar Hygiene drangen in neuerer Zeit Grundwasser- und Baugrundgeologie vor, auch in diesem Falle dadurch begünstigt, daß die so fruchtbare naturhistorische Fragestellung der Geologie als Erdgeschichte allein geeignet ist, die von Ort zu Ort sich ändernden Besonderheiten des Untergrundes nicht nur zu sehen, sondern auch verstehend zu klären. Erfolgreich kann solches Neuland aber nur beackert werden, wenn Kenntnisstand und Methoden auch der anderen Wissenschaften und Sachgebiete vertraut sind, eine Aufgabe, die dann um so höhere Anforderungen stellt, wenn es sich um ein Grenzgebiet nicht nur zwischen zwei Nachbarfächern handelt, sondern um Neuland zwischen mehreren anrainenden Fächern, ja sogar Fakultäten. Daß derartiges wissenschaftliches Neuland und damit eine mehrbahnige Verflechtung erst in neuerer Zeit sichtbar wurde, ist einerseits eine Folge der Intensivierung wissenschaftlicher Forschung. Auf der anderen Seite bedurfte es der Anforderungen des modernen Lebens, dem längst nicht mehr die naturgegebenen Bahnen ausreichen, sondern das bei seiner Ausweitung immer mehr in das Naturgefüge eingreift und in den sich daraus ergebenden Konsequenzen die Verflechtung der wissenschaftlichen Sparten, die sich mit Teilen dieses Gefüges befassen, eindringlichst erkennen lehrt.