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Zur Geschichte der pferdeartigen Unpaarhufer im Tertiär Europas.

Tobien, H.

Kurzfassung

Dreimal erschienen im Tertiär Equoidea in Europa: Zu Beginn des Eozäns (Hyracotherium), des Miozäns (Anchitherium) und des Pliozäns (Hipparion). 1. Die Entwicklung der eozänen Vertreter in Europa verläuft ganz anders als in Nordamerika: Hier eine einzige, relativ langsam evoluierende Linie (Hyracotherium → Orohippus → Epihippus), dort eine Aufspaltung in 6 Entwicklungsbahnen mit unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten: Die Pachynolophus-Linie zeigt gegenüber Hyracotherium kaum eine Weiterentwicklung; die Propalaeotherium-Linie entspricht etwa der nordamerikanischen in Modus und Tempo; Palaeotherium, Lophiotherium, Anchilophus und Plagiolophus eilen in manchen Merkmalen der amerikanischen Eozän-Linie voraus: z. B. Größenzunahme bei Palaeotherium, Hypsodontie und Zement im Gebiß von Plagiolophus, 3zehiger Vorderfuß bei beiden Genera; Merkmale, die in der amerikanischen Entwicklung erst im Laufe des Miozäns, d. h. 20-25 Mio Jahre später, erscheinen. Neben diesen modernen "equinen" Merkmalen finden sich die altertümlichen oder andere Entwicklungsrichtungen anzeigenden "Gegenmerkmale". Diese Merkmalspaare (z. B. Hypsodontie/Brachydontie, Homöodontie/Heterodontie; Zement/kein Zement; Beibehaltung der P-Zahl/Reduktion der P-Zahl; Auftreten/Fehlen eines Mesostyles usw.) treten in den 6 europäischen Linien in verschiedenem Ausmaß auf und sind vor allem verschieden miteinander kombiniert. Diese kaleidoskopische oder "mosaikartige" Vermischung der Merkmale ist ein Charakteristikum der Equoideen-Evolution im Eozän Europas. Bei den miozänen Vorläufern der modernen Equiden in Nordamerika (Merychippus) erscheint der equine Merkmalskomplex einheitlich und in korrelativem Zusammenhang stehend. Die eozänen Equiden Europas zeigen dagegen fast völlig freie Kombinationen der Einzelmerkmale in sehr vielen Varianten.