Original paper

Die Bedeutung der Paläogeographie für die Klärung tektonischer Probleme in den nördlichen Kalkalpen

Stengel-Rutkowski, W.

Kurzfassung

An einem Ausschnitt aus den westlichen Lechtaler Alpen wurde die Verlagerung der Perspektive alpiner Forschung von der großräumigen, eleganten tektonischen Betrachtungsweise auf die detaillierte feinstratigraphisch-faziell-paläogeographische Einzeluntersuchung in dem letzten Jahrzehnt dargelegt. Es konnte an eigenen Untersuchungsergebnissen gezeigt werden, daß die oberostalpine Geosynklinale in ihrem Westteil schon in der Mitteltrias, deutlicher noch im Jura und in der Unter- und Mittelkreide in Teilbecken und Schwellen gegliedert war und sich sowohl im Norden als auch im Süden und Westen in der Sedimentation ihre Ränder abzeichneten. In der Kreide sind sogar Beziehungen zum nördlich anschließenden unterostalpinen Faziesbereich, ja sogar zum Flyschtrog vorhanden. Diese Erkenntnisse zwingen uns, die Vorstellung fernhergeschobener "Decken" mit allochthoner Fazies zumindest in diesem Bereich aufzugeben. Schon der paläogeographische Zusammenhang zeigt, daß es sich um autochthone tektonische Formen handeln muß. Es ist sogar wahrscheinlich, daß starke paläogeographische Differenzierung eine Fülle tektonischer Formen nach mehrfacher Faltung ergibt. Multivergenz, tektonische Selektion, Überschiebungen von mehreren km, Schuppung und Isoklinalfaltung kommen hier auf engstem Raum nebeneinander vor. Es kann von der Betrachtung eines kleinen Ausschnittes eines Faltengebirges nicht darauf geschlossen werden, daß es keine Überschiebungen ("Decken") andernorts gibt. Es sollte aber bei der Betrachtung des tektonischen Phänotyps nie die Untersuchung der Genese der beteiligten Geosynklinale vergessen werden.