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Über die Schwierigkeit in der bautechnischen Beurteilung starkbindiger Tonmergelböden

Keller, Gerhard

Kurzfassung

Zusammenfassung 1. Untersuchungen, die im Zusammenhang mit Erdarbeiten an einer Straße des nordwestlichen Münsterlandes in Westfalen ausgeführt wurden, veranlaßten eine Beschäftigung mit Schwierigkeiten, die sich bei der bautechnischen Ansprache von stark bindigen Tonmergeln ergaben. 2. Diese gehören der Senonformation an und sind ursprünglich im Meerwasser sedimentiert worden. Damit hängt ihre prismatische und bröckelige Struktur zusammen, die auf eine starke Empfindlichkeit bei Wasserzutritt und dementsprechende Konsistenzverschlechterung hinweist. 3. Nach der bautechnischen Klassifizierung handelt es sich um normalfeuchten, den bergfeuchten Zustand der Bodenklasse schwerer Boden, der aber zu den veränderlichfesten Lockergesteinen gehört. Im Sinne der bisherigen Auffassung ist er je nach dem Witterungseinfluß als zwischen festem Boden und Schöpfboden variierend zu kennzeichnen. 4. Die Klassifizierung des schweren Bodens im heutigen Sinne (DIN 18 300) berücksichtigt bodenmechanische Eigenschaften. Doch können diese nicht so ausreichend sein, um die Variationsbreite in der Konsistenz befriedigend zu erfassen. Je nach dem Wassergehalt pendelt der gleiche Boden von dem schweren Boden, über den bindigen mittelschweren Boden bis zum wasserhaltenden Boden und wieder zurück. 5. Die Konsistenztypen entsprechen klimatischen Großwetter- oder lokalen Wetterlagen. Eine Ausschreibung unter Berücksichtigung des Schönwetterverhaltens des Bodens muß zu einer falschen Auffassung über seine bautechnischen Eigenschaften und zu Fehlkalkulationen führen, wenn sich die klimatischen Verhältnisse jahreszeitlich oder kurzfristiger verändern. 6. Der angetroffene Boden wurde nach den notwendigen bodenmechanischen Gesichtspunkten mit dem Ergebnis untersucht, daß in Wirklichkeit nicht mehr ein Konsistenzzustand, sondern 3 Konsistenztypen von der steifen über die weichplastische bis zu der breiigen Konsistenz vorliegen, die bautechnisch sehr verschieden zu beurteilen sind. Neben den Schwierigkeiten beim Lösen und Einbau des Bodens machte sich die Klebrigkeit nachteilig bemerkbar. 7. Die bei den Erdarbeiten tatsächlich angetroffenen Bodenverhältnisse vermitteln infolgedessen ein wesentlich anderes Bild, als nach der Ausschreibung zu erwarten war. Geräteeinsatz und Kalkulation folgten der Schönwetterklassifizierung und gingen damit fehl. Es ist zu erwarten, daß die unzureichende bautechnische Ansprache von schwerem Boden durch die Berücksichtigung geologischer und bodenmechanischer Gesichtspunkte nach der Empfehlung der Bundesanstalt für Straßenbau erfolgreicher gestaltet werden kann. 8. Die für die Entwurfsbearbeitung hieraus zu ziehenden Folgerungen sollen in den Ausschreibungsunterlagen ihren Niederschlag finden, damit der Unternehmer gewissenhaft kalkulieren kann. Die Ausschreibungsbedingungen müssen eine erschöpfende Auskunft über die anzutreffenden und zu bearbeitenden Bodenarten, ihre bautechnischen Eigenschaften in Form von Kennziffern und über die Wasserführung enthalten. 9. Die besonders wichtigen ATTERBERGschen Grenzen lassen dann erkennen, ob der Boden wasserempfindlich ist, ob er nur bei trockener Witterung zu lösen, zu verfahren, einzubauen und zu kippen ist oder nicht. Diese Angaben setzen aber voraus, daß auch der Auftragnehmer diese Kennziffern für seine Aufgabe richtig auszuwerten weiß. 10. Trotzdem darf nicht übersehen werden, daß dadurch der völligen Witterungsabhängigkeit der Erdarbeiten in stark bindigen Böden noch nicht ganz gerecht zu werden ist. Die Variationsbreite der Konsistenztypen hat ihr Ebenbild in dem Kostenaufwand. So dürfte es gar nicht als unzweckmäßig erscheinen, mit Schönwetter- und Schlechtwetterpreisen zu kalkulieren. Nur so können verschiedene Angebote vergleichbar sein. 11. Was als Schönwetter oder Schlechtwetter bei Erdarbeiten in stark bindigen Böden zu gelten hat, ist eine gemeinsam mit Meteorologen zu lösende Frage, die in den letzten Jahren bei ähnlichen praktischen Aufgaben mehrfach mitwirkten. Neben den Niederschlägen nach Dauer und Intensität kommt auch die Sonnenscheindauer und im Winter die geringe Verdunstung und der fehlende Feuchtigkeitsverbrauch der Vegetation in Betracht.