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Die Bedeutung paläozoischer Fossilfunde für die Stammesgeschichte der Insekten

Hennig, W.

Kurzfassung

Einer der berühmtesten und wichtigsten Funde fossiler Insekten ist der von Rhyniella hirsti HIRST & MAULIK aus dem Mitteldevon von Schottland. Die Art gehört zweifellos in die auch rezent vorkommende Ordnung Collembola und beweist damit, daß im Mitteldevon außer den Collembola auch bereits die unmittelbaren Vorfahren der rezenten Myriopoda, der Insektenordnungen Protura und Diplura, sowie der "Dicondylia", zu der alle übrigen Insektenordnungen gehören, gelebt haben müssen. Dagegen hat die zum Vertreter einer eigenen "Unterklasse" der Insekten erhobene Gattung Dasyleptus aus dem unteren Oberkarbon keine Bedeutung für die Stammesgeschichte der rezenten Insekten. Diese Schlüsse ergeben sich aus der Bewertung von Fossilienfunden nach Grundsätzen, die bei HENNIG (1954, 377-385) ausführlich dargelegt sind. Leider ist Rhyniella der einzige Insektenrund aus der Zeit vor dem unteren Oberkarbon. Im jüngeren Paläozoikum sind bereits alle rezenten Insektenordnungen mittelbar oder unmittelbar nachzuweisen. Einige von diesen waren damals wahrscheinlich schon in Teilgruppen aufgespalten, die noch rezente Vertreter besitzen. Für die Ordnungen der Insekten mit vollkommener Verwandlung (Holometabola), von denen allein die Käfer etwa ebenso viele Arten umfassen wie alle nicht zu den Insekten gehörenden Tiergruppen zusammengenommen, spielt das Penn etwa die Rolle, die der Kreidezeit für die Stammesgeschichte der Ordnungen der plazentalen Säugetiere, der Vögel und der Knochenfische zukommt. Eine intensivere morphologische Durcharbeitung der Insekten würde auch vielen bisher schon bekannten fossilen Insekten eine größere Bedeutung für die Bestimmung des Mindestalters rezenter Insektengruppen verleihen. Das ist z. B. durch die Bearbeitung des Flügelgeäders der rezenten Dipteren gezeigt worden (HENNIG 1954). Einen Stammbaum der rezenten Insektenordnungen mit Angaben über die für jede von ihnen vorliegenden ältesten Fossilfunde findet man bei HENNIG (1953); Ergänzungen und Berichtigungen dazu bei HENNIG (1952).