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Fazies und Fauna in Aestuaren, dargestellt am Beispiel des Elbe-Aestuars

Caspers, H.

Kurzfassung

Aestuare, also dem Einfluß der Gezeiten unterliegende Flußmündungen, stellen einen biologisch besonders interessanten Lebensraum dar. Die Typen dieser Aestuare sind recht verschieden (vgl. CASPERS 1958, 1959 a); am charakteristischsten sind die offenen Aestuare, in denen sich eine ausgedehnte Vermischungszone von Süß- und Seewasser ausbildet, also ein Brackwassergebiet, das alle Stufen vom poly- über den meso- und oligohalinen Bereich zum Süßwasser des oberen Aestuargebietes aufweist. Innerhalb dieser kontinuierlichen Übergangsstrecke vom limnischen über den mixohalinen (CASPERS 1959 b) zum marinen Bereich sind jedoch zum Teil erhebliche und oft kurzfristige Schwankungen der Wasserführung und damit des Salzgehaltes vorhanden, so daß also die Poikilohalinität der kennzeichnende hydrographische Faktor ist, der diese Flußmündungen biologisch prägt. Ein solches typisches Trichteraestuar weist die Elbe auf. Hier macht sich der Tidenwechsel in einem weiten Süßwasserbereich geltend, da das abfließende Oberwasser periodisch durch die Tidewelle gestaut wird. Auf diese Weise bilden sich Süßwasserwatten aus, in denen Schlicksedimenten sich eine individuenreiche Fauna vornehmlich von Tubificiden und Chironomidenlarven findet. Die obere Brackwassergrenze liegt bei Glückstadt, etwa 50 km oberhalb von Cuxhaven. Im Vormündungsbereich der Elbe, zwischen ausgedehnten marinen Watten, lagert der Fluß seine Schwebstoffe ab; das sandig-schlickige Sediment enthält hier eine reiche Benthosbiocönose, deren polyhaline Elemente dann elbewärts mit abnehmendem Salzgehalt stufenweise ausfallen. Diese Faunenänderung wird aber auch durch den Fazieswechsel beeinflußt: In Sandzonen herrschen Amphipoden und einige röhrenbildende Polychaeten vor, in Schlickzonen gibt es Massensiedlungen des Amphipoden Corophium. In der Fahrrinne der Süßwasserstrecke vermögen limnische Elemente der Makrofauna nicht zu siedeln. Nur eine interstitielle Mikrofauna hat hier noch einen Lebensraum, wobei auch einige thalassogene Arten weiter in das Aestuar eindringen. Durch den Flutstrom werden Larven sessiler mariner Arten in die Elbe verdriftet, so daß die hier verankerten Bojen einen dichten Bewuchs an Balaniden, Miesmuscheln usw. aufweisen. Im oberen Brackwasserbereich ist vornehmlich eine Kruste von Balanus improvisus vorhanden, während B. crenatus einen höheren Salzgehalt beansprucht. Ein typisches Brackwasserelement ist auch der Polychaet Nereis succinea. An den Tonnen der Süßwasserstrecke fehlen solche sessilen Elemente; hier tritt neben Algen ein Rasen der koloniebildenden Hydrozoe Cordylophora auf.