Original paper

Tektonik und Metamorphose im Westalpenbogen

Wunderlich, H. G.

Kurzfassung

An Hand von Geländebeispielen aus verschiedenen Teilen der Westalpen wird eine kurze Charakteristik des Deckenbaues, der Faltung und Gefügeprägung sowie der jungen alpidischen Kristallisation und Intrusionstätigkeit gegeben. Die Reihenfolge in der Aufzählung dieser Erscheinungen entspricht gleichzeitig auch ihrer zeitlichen Aufeinanderfolge innerhalb der einzelnen Abschnitte des Gebirges. Erst nach der Blockierung freier Deckenbewegungen erzwingt weitere Einengung Materialbewegungen in verschiedenen Ausweichrichtungen quer zum Deckentransport, die sich in intensiver Faltung und Fältelung, in Schieferung und Lineation äußern. Dabei werden im inneren Westalpenbogen weit verbreitet Nordsüd- und Ostwestachsen neben- und zum Teil übereinander angelegt. Die Ursache für die Anlage dieses alpidischen Achsensystems mit Lineation in zwei sich nahezu unter rechtem Winkel kreuzenden Richtungen ist nicht etwa in der auswalzenden Wirkung an der Basis der Decken zu suchen, sondern steht mit den faltenstereometrischen Grundlagen bei der Einengung von Faltenkörpern über den kritischen Wert hinaus in Zusammenhang. Die junge alpidische Regionalmetamorphose ist an bestimmte Kristallisationshöfe im Bereich der am stärksten eingeengten Innenzone des Gebirges gebunden; sie setzt in der Nähe der Metamorphose-Zentren stellenweise bereits mit der Gefügeprägung ein, überdauert diese jedoch in der Regel und erreicht ihren Höhepunkt meist erst posttektonisch bezogen auf die Anlage des alpidischen Achsensystems. Gleichzeitig und in gewissem räumlichem Zusammenhang mit den Kristallisationshöfen, bevorzugt an der Innenseite des Westalpenbogens, treten die jungen alpidischen Intrusionen (Traversella, Biella, Iorio, Bergell, Adamello) auf. Regionalmetamorphose und Intrusionstätigkeit sind allem Anschein nach auf gemeinsame Ursachen zurückzuführen, nämlich auf den innerhalb des Orogens während und nach dem Paroxysmus der Einengung verstärkten Wärmefluß aus dem Erdinnern, der hier zur zeitweiligen erheblichen Versteilung des Temperaturgradienten der geothermischen Tiefenstufe führt. Dabei können die jungen Intrusionen als aufgedrungene Mobilisate einer höchsttemperierten Metamorphose-Stufe aufgefaßt werden, in welcher es zur weitgehenden Aufschmelzung kam, und zwar unter Volumenzuwachs infolge Dichteabnahme bei der Anatexis (BEDERKE 1962), vermutlich als Ursache des spätorogenen Aufstiegs. Dieser Aufstieg erfolgte offensichtlich unter Ausnutzung tiefgreifender Strukturlinien und damit asymmetrisch zu den Kristallisationshöfen. Deckenbau, Faltung und Gefügeprägung beginnen am Innenrand des Westalpenbogens bereits im Eozän und werden in Richtung auf das nördliche und westliche Vorland fortschreitend jünger. Andererseits sind sie im Bereich der der Poebene benachbarten Innenseite schon im Oligozän beendet, während die Überschiebungserscheinungen am Außenrand des Gebirgsbogens erst im Unterpliozän ihr Ende finden.