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Vom Werden des "Küstensenkungs"-Problems

Hartung, W.

Kurzfassung

Wenn unsere Tagung unter dem Thema "Küstengeologie - Deichbau und Küstenschutz" steht, so haben dabei die Namen zweier Männer aufzuklingen: Dr. h. c. Wilhelm KRÜGER, Hafenbaudirektor der deutschen Reichsmarine in Wilhelmshaven (15.2.1871 bis 29.2.1940), und Dr. h. c. Heinrich SCHÜTTE, Schulrektor in Oldenburg (28.12.1863 bis 10.12.1939). Beide sind (zusammen mit dem Ostfriesen Dr. h. c. Dodo WILDVANG, Emden, 24.9.1873 bis 14.11.1940) für die deutsche Küstenforschung von wesentlicher Bedeutung geworden beide mit der Tradition der an dieser Tagung beteiligten Arbeitsgemeinschaft Nordwestdeutscher Geologen aufs engste verknüpft. Wilhelm KRÜGER erkannte bei seiner Lebensaufgabe, dem Fahrwasser der Jade unter Strömung und Sandwanderung Beständigkeit zu geben, die Notwendigkeit intensiver küstengeologischer Forschung. Sein Verdienst ist es, die aus heimatgebundener Arbeit herangewachsene Forscherpersönlichkeit Heinrich SCHÜTTE instandgesetzt zu haben, großzügige Untersuchungen über den Aufbau des Marschen-Holozäns im Jade-Weser-Gebiet durchzuführen. SCHÜTTE kam für den Ablauf der postglazialen Nordsee-Transgression zur Vorstellung seiner "Senkungstreppe": Im verwickelten Aufbau der Marsch erkannte er wiederkehrende Unterbrechungen der marin-brackischen Abfolge durch terrigene Bildungen, schloß auf großräumige Periodizität durch wechselnde Krustenbewegung und kam zu einem zeitlichen Schema. Vor allem aber seine Feststellung neuzeitlichen Anhaltens der "Senkung" - erhärtet am Naturdenkmal der Oberahneschen Felder - wurde zum Alarmruf an den Küstenschutz und löste die Maßnahme des Küstennivellements aus. Die Bedeutung seiner Ergebnisse erforderte kritische Beleuchtung. Insbesondere von der Vorstellung der Hebungen kam man ab, damit vom SCHÜTTEschen Senkungsmaß und zur Annahme eines relativ gleichmäßigen und ausklingenden Meeresspiegelanstiegs, in der Auswirkung gesteuert von örtlich wirksamen hydrographischen Faktoren. Neue Erkenntnis war jedoch von Arbeiten zu erwarten, die über die intensive Marschenforschung der Lebensarbeit SCHÜTTES hinausgingen. Das geschieht zur Zeit durch die moderne Marschenkartierung des Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung. Es entrollt sich ein noch verwickelteres Bild vom Aufbau des Marschenkörpers, überraschend aber ebenfalls eine großräumige Periodizität von Überflutungs- und Stillstandsphasen, durch 14C heute mit ganz anderen Methoden datierbar. Die "Küstensenkung", besonders in der Frage der "neuzeitlichen Küstensenkung", wird zum komplizierten Phänomen aus einer Fülle zusammenwirkender Faktoren. Die Periodizität bekommt glazial-eustatischen Zusammenhang mit Eislagen im kanadisch-nordamerikanischen Raum, doch können noch andere Steuerungen dahinterstehen, evtl. periodisches Schließen von Inselketten-Vorläufern beim Vordringen des Meeres (siehe dazu: HARTUNG, WOLFGANG: Das Problem der sog. Küstensenkung. - Oldenburger Jahrbuch, 63 [1964], S. 131-153, ersch. Oldenburg 1965).