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Die Naturgesetzlichkeit in den eiszeitlichen Tierwanderungen Nordwest-Eurasiens

Jacobshagen, Eduard

Kurzfassung

In Nordwest-Eurasien - zwischen dem Lena-Strome und dem Atlantik - folgen aufeinander auf dem Kontinente von Norden nach Süden 3 große Vegetationsgürtel (Abb. 1). Am Polarmeer liegt die arktische Tundra. Die Raummitte nimmt der Waldgürtel ein. Im Süden von ihm dehnt sich ostwärts etwa vom 25. Längengrade bis zum Altai und in die Dsungarei hinein der Steppengürtel Osteuropas und Westsibiriens. Der Waldgürtel, den riesenhaften Raum ganz durchsetzend, ist an ein gewisses Feuchtklima fest gebunden. Im Sommer stellen die heißen Steppen im Süden Westsibiriens ein Gebiet geringeren Luftdruckes dar. Ihm streben dann Regenbringende Wolken auf den Straßen des barischen Windgesetzes zu. Sie kommen vom Azoren-Hoch über dem Nord-Atlantik und vom Ostteile des arktischen Hochs, das dann zwischen Mittelgrönland und den Neusibirischen Inseln zu lagern pflegt. Den Tundren- und den Steppengürtel kennzeichnet Niederschlags-Armut. In der Geschichte der Eiszeitforschung hegt besonderer Glanz auf dem Jahre 1875: 1. O. TORREL zeigte 1875 den Geologen in Rüdersdorf bei Berlin Gletscherschliffe skandinavischen Eises. Damit hatte sich die bereits fast 90 Jahre vorher in der Schweiz aufgestellte Lehre von weitreichenden Gletscher-Bedeckungen europäischen Bodens im Eiszeitenalter endgültig durchgesetzt. 2. 1875 erkannte FERDINAND VON RICHTHOFEN den Löß als Windbildung, die allein in ausgesprochenen Trockengebieten der Erde stattfindet. - Löß, eiszeitlichen Alters, kannte man längst im heutigen Bereiche des Waldgürtels in Westeuropa. Also hatte im heute feuchten Klima unseres mitteleuropäischen Mischwaldgebietes ein ausgesprochenes Trockenklima geherrscht, als der eiszeitliche Löß gebildet worden ist. 3. 1875 begannen die Veröffentlichungen des Zoologen ALFRED NEHRING (1845-1904) über seine Ausgrabungen im Löß bei Thiede (westlich Wolfenbüttels) und im Löß von Westeregeln bei Oschersleben. NEHRING wies bündig nach, daß der eiszeitliche Löß Westeuropas fossile Reste von Charaktertieren sowohl der Steppen Osteuropas und Westsibiriens als auch der Tundren Nordwest-Eurasien in zwei getrennten Horizonten umschließt. Das wertvollste Charaktertier der glazialen Tundren, der eiszeitliche Halsbandlemming, freilich war schon 1856 von R. HENSEL im Löß des Sudmerberges bei Goslar entdeckt.