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Abschiebungen in den bayrischen Alpen. Ein Problem und eine Deutung

Linke, G.

Kurzfassung

Bei der Neukartierung der Farchanter Alpen (1), NW von Garmisch-Partenkirchen, gewann folgender tektonischer Sachverhalt Bedeutung: der Verband zwischen Oberauer Sattel und Lahnenwies-Mulde ist auf 3,5 km Länge durch eine dem Streichen folgende Abschiebung gestört. An ihr ist die südlich auf den Sattel folgende Mulde abgesenkt. Zwei Umstände komplizieren die Situation zusätzlich. Einmal läßt der relativ abgesunkene Komplex an der Störungsfläche Anpressungsphänomene (Spezialfältelung) erkennen, zum anderen geht die Abschiebung an beiden Enden in diagonale Seitenverschiebungen vom Typ der Loisachstörungen über. Beides Hinweise auf Kompression in a. Frühere Bearbeiter (2) maßen diesem widersprüchlichen Nebeneinander von Abschiebung und Einengung noch keine exemplarische Bedeutung bei, sondern führten es auf Materialverschiedenheit zwischen Kalk und Dolomit zurück. Das erscheint unbefriedigend, da in anderen Gebieten der nördlichen Kalkalpen vergleichbare tektonische Situationen gegeben sind. So beschreibt J. NIEDERMAYER (3) eine streichende Störung von gut 4 km Länge, an der die Walchensee-Mulde im Verhältnis zur nördlich anschließenden Aufsattelung abgesenkt ist, übrigens mit einer Zunahme der Sprunghöhe in dem Maße, wie Sattel- und Muldenachse divergieren. Ein drittes Beispiel (4) ist die streichende Abschiebung auf der Nordflanke der Karwendel-Mulde, die mit fast 6 km die längste der dem Autor bis Jetzt bekanntgewordenen Störungen dieser Art ist. Hier wieder Übergang in Loisachstörungen und ebenfalls ein Verklingen im selben Maße, wie sich die Divergenzbewegungen zwischen Sattel- und Muldenachse ausgleichen. Also dreimal: Sattel - Mulde, kilometerlange streichende Störungen im Bereich der Sattelflanken nach Art von Abschiebungen, Übergang in diagonale Seitenverschiebungen und eine Beziehung zwischen der Größe des Abschiebungsbetrages und der der Achsendivergenz. Für Sonderfälle lokaler Natur sind die Ausmaße (in Länge und Abschiebungshöhe) und die Übereinstimmungen untereinander zu groß. Diese Abschiebungen müssen vielmehr ihren Platz im Ablauf des tektonischen Geschehens dieses Gebietes erhalten, und das ist hier, wo durch Kreide und Tertiär nur fortgesetzt S → N gerichtete Einengung erkennbar ist und niemals Hinweise auf nennenswerte gegenläufige Bewegungen gegeben sind, schwierig. Denn nach den gängigen Vorstellungen vom Wesen der Faltung im oberflächennahen Stockwerk gibt es keine genetische Beziehung zwischen Faltung und Abschiebung. Und so sind folgerichtig bei W. ZEIL (5) (als Beispiel) in der wohl neuesten Bearbeitung und Zusammenfassung aller Fragen, die mit den Faltungszeiten und der Tektonik in den deutschen Alpen zu tun haben, die Abschiebungen als Bruchverformung der Faltung nachgeordnet. Faltende Einengung und Abschiebung sind unvereinbar, sie müssen zeitlich aufeinander folgen.