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Aufgaben und Ziele vergleichender aktuotektonischer Forschung: Schwereverteilung und rezente Orogenese im Mediterrangebiet

Wunderlich, H. G.

Kurzfassung

Zusammenfasung Anhand von Beispielen ans dem mediterranen Gebirgsgürtel wird die Frage erörtert, welche geologischen und geophysikalischen Kennzeichen für ein Andauern der orogenen Aktivität bis in die Gegenwart hinein sprechen. Neben seismischer Aktivität und jungem, noch tätigem Rückseiten-Vulkanismus ist hier in erster Linie das asymmetrisch nach außen verschobene Schweredefizit am Fuße der Gebirge bzw. die einem Inselbogen vorgelagerte negative Schwereanomalie zu nennen. Junge, in der Gegenwart aktive Orogenabschnitte neben älteren, heute orogen weitgehend inaktiven Teilstücken bauen gemeinsam das mediterrane Gebirgssystem auf; die Betische Kordillere, Alpen und Dinariden können als Beispiele weitgehend abgeschlossener Orogenese gelten, während der nördliche und südliche Apennin ein spätorogenes, der Inselbogen vom Peloponnes über Kreta nach Rhodos ein vollorogenes Entwicklungsstadium vermuten lassen. Die enge Verwandtschaft der mediterranen Gebirge bietet eine Möglichkeit, durch Gegenüberstellung und Vergleich dieser unterschiedlichen Entwicklungsstadien innerhalb ein und desselben Gebirgssystems gleichsam eine Entwicklungsreihe alpinotyper Gebirge aufzustellen, die tieferen Einblick in den Bewegungsablauf rezenter und vorzeitlicher Orogenese verspricht. Voraussetzung hierfür ist ein enges Zusammenwirken geophysikalischer, geologischer und meereskundlicher Fachrichtungen. Das wohl auffälligste Charakteristikum innerhalb des mediterranen Gebirgssystems ist die Vereinigung zweier oder mehrerer benachbarter Teilorogene zu übergeordneten Struktureinheiten mit zyklonalem und antizyklonalem Bewegungssinn. Auch hierfür sind vergleichend aktuotektonische Untersuchungen der beteiligten Orogene erforderlich, da erst deren Zusammenwirken das ganze Ausnuß der Bewegungsvorgänge erfassen läßt.