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Zur Ökologie und Biostratinomie des Schreibkreide-Biotops und seiner benthonischen Bewohner

Ernst, Gundolf

Kurzfassung

Die seit Jahrzehnten nur zögernd fortschreitende ökologische Schreibkreide-Forschung erhielt in jüngster Zeit durch die Greifswalder Schule kräftigen Auftrieb. Die dort z. T. in aufwendiger, quantitativer Arbeitsweise gesammelten mannigfaltigen Ergebnisse wurden 1965 von NESTLER in einer vorbildlichen Gesamtanalyse zusammengefaßt. Ein Teil der älteren Vorstellungen über die physikalischen Faktoren des Rügener Schreibkreidemeeres (z. B. Wassertiefe, Sedimentationsgeschwindigkeit) mußten darin nicht unerheblich modifiziert werden. Zwei Reisen nach Greifswald und Rügen (1965 und 1966) gaben mir Gelegenheit, aus erster Hand die Erfahrungen der Greifswalder zu prüfen und Vergleiche mit den nordwestdeutschen Schreibkreide-Lokalitäten (Lägerdorf, Kronsmoor, Hemmoor, vormals auch Lüneburg) anzustellen. Einige, hauptsächlich im Santon und Campan von Lägerdorf (SW-Holstein) gewonnene Vorstellungen über die Ökologie des Schreibkreide-Biotops seien im folgenden kurz skizziert: 1. Bodenrelief: Obwohl die reinen Schreibkreidesedimente nur in seltenen Fällen primäre Schichtung hinterlassen haben, lassen die Sohl- und Dachflächen der zwischengeschalteten Mergeltuffitbänkchen und "Grabganglagen" vermuten, daß der ehemalige Meeresboden keineswegs völlig plan gewesen ist. Stattdessen dürfte er durch flache, kaum cm-tiefe Mulden und unregelmäßige Auskolkungen gemustert gewesen sein, durch die auch mancherlei biostratinomische Befunde ihre Erklärung finden. Ganz ähnliche Oberflächenbilder kennzeichnen vielfach die Schichtflächen der nordwestdeutschen Pläherkalke (Cenoman u. Turon). Schön auf engem Raum sich abzeichnende Mächtigkeitsschwankungen und Unterschiede in der Feuersteinführung (z. B. im Santon von Lägerdorf, ERNST 1967) lassen erkennen, daß das norddeutsche Schreibkreidemeer - wenigstens zeitweilig und meist wohl in Salzstocknähe - durch Untiefen und Senken gegliedert war, die sicherlich auch auf Strömungen und Faunenverteilung Einfluß nahmen. Auf Rügen führte ein Reliefabfall - wie STEINICH nachweisen konnte - zu NE gerichteten subaquatischen Sedimentbewegungen. 2. Konsistenz des Bodensediments: Wenn auch die Schreibkreideböden wegen des fehlenden Mesopsammons den Weichböden zugeordnet werden müssen, so war ihre Tragfähigkeit doch so groß, daß tierische Hartteile - wie die inkrustierende Epifauna beweist - meist nur geringfügig einsanken und zuzeiten ein Rolltransport von Echiniden-Coronen vor sich gehen konnte. Zu episodisch stärkerer Verfestigung mit Hartground-Bildung und Faunenkonzentration (z. B. Gryphaeen-Bänke) kam es jedoch nur auf Rügen, nicht jedoch an den nordwestdeutschen Lokalitäten. Allenfalls deuten hier die sogen. "Grabganglagen" und Inoceramenbänke (Lägerdorf) mit ihrer härteren, bruchschill-reichen Kreide auf zeitweilig veränderte Bodenkonsistenz (verminderter Sedimentanfall?).