Original paper

Über die Möglichkeit, die Grenzen des Aktualismus bestimmen zu können

[On the Possibility to Define the Limits of Actualism]

Hofbauer, Gottfried

Kurzfassung

Viele Diskussionen über die Grenzen des Aktualismus sind ohne Wert für die geologische Praxis und dienen ebensowenig der Erkenntnis der aktualistischen Methode. Versuche, die Gültigkeit des Aktualismus a priori zu bestimmen, sind aus erkenntnistheoretischer Sicht oft nicht haltbar. Vorstellungen über die Gleichförmigkeit der Erdgeschichte können allein anhand empirisch begründeter Überlegungen gewonnen werden. Die Disziplingeschichte scheint dies zu bestätigen: Kontroversen um die Gültigkeit des Aktualismus wurden durch empirische, und nicht (durch oft fragwürdige) erkenntnistheoretische Argumente aufgelöst. Aktualismus und Uniformitarianismus werden häufig als ähnliche oder gar synonyme Begriffe verstanden. Dabei werden jedoch zwei völlig unterschiedliche Aspekte miteinander vermischt und undeutlich gemacht. Während sich nämlich der erste Begriff auf die Erkenntnis der gegenwärtig wirksamen Prozesse (causes now in operation) bezieht, betont der zweite deren Gleichförmigkeit in der Erdgeschichte. Die Tradition wissenschaftsgeschichtlicher Diskussionen hat dazu geführt, daß die aktuell wirksamen Prozesse als offenbar unproblematische Angelegenheit in den Hintergrund gerückt sind, während die Frage der Gleichförmigkeit zur zentralen Frage entwickelt wurde. Aus erkenntnistheoretischen Gründen sowie in Entsprechung zur tatsächlichen Forschungspraxis sollte man jedoch umgekehrt verfahren: Das fragwürdige Gleichförmigkeitspostulat kann aufgeben, und dafür die causes now in operation als der eigentlich relevante Forschungsgegenstand hervorgehoben werden. Dieser Schritt löst zahlreiche unglückliche Kontroversen der Disziplingeschichte auf, indem so einsichtig wird, daß man mit aktualistischen Verfahren zu erdgeschichtlichen Interpretationen kommen kann, die nicht nur als uniformitarianistisch, sondern gar im Gegenteil als "katastrophistisch" bezeichnet werden könnten. Anhand einer kurzen Skizze des Standpunktes von LYELL und CUVIER wird gezeigt, daß die bisherigen wissenschaftsgeschichtlichen und -theoretischen Diskussionen um den Aktualismus/Uniformitarianismus zu wenig darauf geachtet haben, daß die Gegenwart vom Standpunkt unterschiedlicher Erfahrungsbegriffe behandelt werden kann. Welche causes now in operation (und damit: welcher Aktualismus) zugelassen werden, hing in der Disziplingeschichte oft von Vorstellungen ab, wie wissenschaftliche Erfahrung auszusehen habe, und in welcher Form darüber Aussagen gemacht werden können. Solche Vorstellungen, sowie die damit verknüpften Aktualismus-Konzepte, können innerhalb des empirischen Wissenschaftsgefüges sehr unterschiedlich sein.

Abstract

Reflections upon the limits of actualism have neither validity for geological practise, nor for the advance of knowledge about the methodological principle itself. Most attempts to determine the validity of actualism a priori are lacking epistemological legitimation. Ideas about any uniformity in earth history are only attainable on empirical foundation. The history of geology seems to confirm this: Controversies on the validity of actualism were solved by empirical arguments, and not by questionable epistemological quarrels. Actualism and uniformitarianism are often used as nearly analogous or synonym terms. In doing so, two entirely different aspects were intermingled and get obscure. Whereas the first notion is related with the knowledge of the causes now in operation, the second stresses uniformity in earth history. The tradition of history of earth sciences advanced a situation, where the "causes now in operation" were treated as a matter without methodological problems, whereas, on the other side, the question of uniformity raised as the main topic. Both epistemological reasons and actual practice in research support just the other way: The questionable claim of uniformity could be abandoned, the "causes now in operation" should be emphasized as the object of greater relevance. In this way, a lot of unfortunate controversies in the history of the discipline could be untied; with such an insight into the actualistic proceeding it is possible to understand how scientists proposed "ununiformitarian" or even "catastrophistic" interpretations of earth history, although they could claim the performance of actualistic principles. A short sketch of the concepts of LYELL and CUVIER gives an illustration of the disregard of the case of different ideas of scientific experience, which could be seen in most of the historical and epistemological discussions. What "causes now in operation" are (and therefore: what kind of actualism is) permitted for historical interpretations, often depends on ideas about scientific experience, and about the manner, how this experience could be shaped into valid scientific arguments. The history of the discipline is full of impressing examples, how ideas about true scientific experience are related with specific ideas about actualism, and how far the range of this ideas could be within an empirical science.

Keywords

Historytheoryactualismuniformitarianismdefinition