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Ferrosum und Ferricum?

Wedding

Kurzfassung

Herr Wedding sprach über eine von de Cizancourt aufgestellte, durch viele wissenschaftliche und technische Journale unbeanstandet gegangene Theorie, nach welcher es zwei allotropische Zustände des Eisens, gewissermaassen zwei Metalle, geben solle, deren eines, als Ferrosum bezeichnet, das Metall der oxydulischen Erze, das andere, als Ferricum bezeichnet, das Metall der oxydischen Erze sei. Das erstere ist hiernach sehr zu Kohlenstoff verwandt, daher geneigt, Spiegeleisen zu geben. Das daraus hergestellte Schmiedeeisen lässt sich leicht in Stahl überführen. Das Ferricum verbindet sich nur bei hohen Temperaturgraden mit Kohlenstoff, den es bei langsamem Erkalten als Graphit ausscheidet, ist die Grundlage des grauen Roheisens und liefert weiches, schwer in Stahl überzuführendes Schmiedeeisen. Der Stahl ist eine Vereinigung beider allotropischen Eisenarten. - Abgesehen von der Unhaltbarkeit dieser Theorie und der daran geknüpften Folgerungen in wissenschaftlich-chemischer Beziehung, sprechen auch zahlreiche Beispiele aus der Praxis für deren Fehlerhaftigkeit. Es müsste das aus Rotheisensteinen erzeugte Roheisen ungeeignet zur Stahlfabrikation sein. Gerade die englische Puddelstahl- und Feinkorneisenindustrie ist beinahe ganz auf ein solches Roheisen angewiesen. Während in England im Allgemeinen die Sphärosiderite, also oxydulische Erze, als Grundlage der Erzeugung sehnigen Eisens dienen, verwendet man das aus den Cumberländer Hämatiten dargestellte Roheisen zu Feinkorn- und Puddelstahl und zum Bessemerprozess und führt es selbst oder die Erze zu diesen Zwecken an vielen Orten Englands ein. Es erklärt sich dies den allgemein bekannten Eigenschaften, welche ein Roheisen geeignet zur Stahlfabrikation machen, und unter denen in erster Reihe die Reinheit von Phosphor steht. In Schlesien verwendet man zur Puddelstahl-Darstellung stets graues Roheisen, weil es dünnflüssig einschmilzt, obwohl es doch Ferricum enthalten müsste, auch grösstentheils aus dem oxydischen Brauneisenerz erzeugt ist. Ebenso kann man daselbst aus demselben Erz bei hinreichendem Mangangehalt, auf den es also wesentlich ankommt, Spiegeleisen erzeugen. Es wurden von dem Vortragenden noch zahlreiche andere Beispiele aus der Praxis angeführt, die de Cizancourt's Theorie als durchaus hinfällig erscheinen lassen, namentlich auch noch, dass es ganz gleichgültig sei, ob ein Stabeisen, welches in Cementstahl umgewandelt werden solle, aus Eisenoxyd oder eisenoxydhaltigem Erz oder dem beides enthaltenden Magneteisenstein erzeugt sei, wenn es nur sonst die nöthigen Eigenschaften, namentlich Reinheit, zeige. Herr Rammelsberg bemerkt hierzu, dass de Cizancourt's Ansicht in chemisch-wissenschaftlicher Beziehung so unhaltbar sei, dass ihr eigentlich zu viel Ehre geschehe, wenn man sie als Theorie bezeichne.