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"Lössartiger Lehm" im Görlitz

Giebelhausen

Kurzfassung

Einen kurzen Aufenthalt in Görlitz habe ich dazu benutzt, mir den "lössartigen Lehm" anzusehen, welchen Herr v. Bennigsen-Förder in seinem Aufsatze über die Niveaus der drei nordischen Diluvial-Meere (Bd. IX. d. Zeitschr.) erwähnt, und von welchem Herr Peck in Görlitz mir mittheilte, dass darin neuerdings mehrere im dortigen Museum der naturforschenden Gesellschaft aufbewahrte Landschnecken (Helix arbustorum und Succinea oblonga) gefunden worden seien, die ihn als wirklichen Löss charakterisiren. Das Resultat meiner Beobachtungen theile ich Ihnen bei der Wichtigkeit der Sache sogleich mit. In einer Anzahl von Lehmgruben, welche südlich und südwestlich von Görlitz nach der Landeskrone zu betrieben werden, sowie mehrfach in Hohlwegen und an Abhängen ist der LÖSS in einer Weise aufgeschlossen, welche mit seinem Auftreten am Rhein und in Thüringen völlig übereinstimmt. Die schichtungslose, compacte Masse, deren Mächtigkeit nach Bohrversuchen an einem Funkte bis zu 30' betragen soll, besitzt hell isabellgelbe Farbe, ist von feiner mehlartiger Beschaffenheit, erscheint frei von fremdartigen Beimengungen, nur hin und wieder von sandigen Streifen durchzogen, zeigt einen bald grösseren, bald geringeren Kalkgehalt, führt mehr oder weniger häufig Lösspuppen und enthält auch die bekannten, durch Vermittelung von Wurzelfasern entstandenen, kleinen wurmförmigen Kalkröhrchen. Der beste Aufschluss findet sich bei der Ziegelei südlich vom Judenkirchhof. Der Löss bildet hier in 15 Fuss Mächtigkeit die Decke eines ebenfalls 15 Fuss mächtig aufgeschlossenen, nach Westen und Osten sanft geneigten Lagers von Sand und Kies, welches eine 8 Fuss hoch entblösste Granitklippe umschliesst. Nahe der unteren Grenze finden sich hier im Löss die bereits erwähnten Helix arbustorum und Succinea oblonga in ziemlicher Menge. Der unterliegende Sand gleicht zum Theil dem gewöhnlichen nordischen Sande vollkommen und enthält neben rothem Feldspath zahlreiche Feuersteinsplitter, zum Theil besteht er aber auch fast nur aus Gruss von lausitzer Granit; die oberste Lage, die Grenze gegen den Löss, bildet eine Schicht von mehr oder weniger grobem Schotter, der neben mehr eckigen lausitzer Gesteinen (Basalt, Granit, Diorit, Kieselschiefer, Quarzit) auch sehr gerundete Granite mit rothem Feldspath, sowie Feuersteine führt. Conchylien haben sich bis jetzt in diesen Sand- und Schottermassen nicht gefunden, ebenso wenig gelang es mir aber bei dem - freilich nur flüchtigen - Besuche, Kreide-Bryozoen darin zu entdecken. Ueber die speciellere Verbreitung der Lössmassen vermag ich Ihnen für jetzt Genaueres nicht zu berichten, doch will ich noch bemerken, dass sie sowohl als Ausfüllung von Thälern und Vertiefungen, wie als Decke der Erhebungen der das Grundgebirge bildenden Granitmassen auftreten, und dass die Meereshöhe, bis zu welcher sie hinaufreichen, 700 Fuss und mehr beträgt, während der Neissespiegel bei Görlitz 574 Fuss hoch liegt.