Original paper

Ein Ganggebilde im Gebiete der Norddeutschen Ebene.

Meyn, Ludwig

Kurzfassung

Wenn ein Berliner Geognost bei einer Wanderung vor den Thoren der Stadt, etwa in Lichterfelde, durch weisse Steinbrocken an der Oberfläche veranlasst, einen Feldarbeiter zu einigen Spatenstichen aufforderte, und bei dem zweiten Spatenstiche sich auf einem Kalkspathgange fände, aus dessen Anbruch ihm Rhomboëderflächen von fünf bis sechs Zoll Breite entgegenblitzten, dann würde er ein gleiches Factum vor Augen sehen, als mir augenblicklich aus der Nähe von Hamburg zu berichten obliegt. Ich spreche nämlich von einem circa zwei Fuss mächtigen Gange unmittelbar neben einer befahrenen Strasse und unter dieselbe hineinstreichend, unter der Decke von nur einem Fuss diluvialen Sandes, und scheinbar sogar in schmutzigem Diluvialgrande aufsetzend. Einen Theil ihrer Wunderbarkeit verliert freilich die Erscheinung, wenn ich hinzufüge, dass in der Nachbarschaft das Flözgebirge bereits aufgewiesen ist, denn es findet sich dieser Gang im Umkreise der Stinksteinschiefer von Lieth, einer Haltestelle der Altona-Kieler Eisenbahn etwa 3 Meilen nördlich von Altona. Aus dem Jahrgange 1870 dieser Zeitschrift S. 463 ist das in Rede stehende Gestein und die Art seines Vorkommens im Allgemeinen bekannt. Nachdem die competenten Bergbehörden und Professor Beyrich, als Dirigent der geognostischen Landesaufnahme, die Identität des Habitus dieser, kaum von Diluvium bedeckten, Stinksteine, Aschen und Rauchkalke mit den gleichen Gebilden der Zechsteinformation am Harzrande anerkannt hatten, habe ich selbstverständlich nichts versäumt, um weitere Aufklärungen über dieses wichtige Flözgebirge der norddeutschen Ebene zu schaffen, welches uns die besten Anhaltspunkte über das Alter der Gypsköpfe und Salzlager unserer Ebene zu liefern verspricht. Die grosse Neigung des Stinksteinschiefers, durch theilweise Oxydation seines Oelgehaltes zu verwittern, die Beweglichkeit der Stinksteinasche, welche im ganzen Bereiche der Gebirgsarten nicht ihres Gleichen hat, da sie, obgleich in frischen Gruben mit senkrechten Wänden stehend, doch getrocknet von dem leisesten Lufthauche bewegt wird, oder durch das kleinste Uebermaass von Wasser in's Schwimmen geräth, um alle Vertiefungen und Hohlräume wieder zu füllen, erschweren die Beobachtung in hohem Grade.