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Ueber die Systematik der Gesteinslehre und die Eintheilung der gemengten Silikatgesteine

Vogelsang, H.

Kurzfassung

Der Mangel an einheitlicher Systematik in der Petrographie wird so allgemein gefühlt, dass ein Versuch in dieser Richtung Besserung anzubahnen, schwerlich einer besonderen Rechtfertigung bedarf. Eine Kritik des Bestehenden und ein historischer Rückblick auf die früheren Bestrebungen ist für den Kundigen nicht nöthig, man darf getrost anf die Ueberzeugung bauen, dass ein fruchtbares Zusammenwirken und namentlich eine erfolgreiche, den Lehrer wie den Schüler gleichmässig befriedigende Lehrthätigkeit auf diesem Gebiete durch die herrschende Unsicherheit der Systematik sehr wesentlich erschwert wird. Es ist dabei, wenn man will, eine trostreiche Wahrheit, dass es an guten Grundsätzen nicht eigentlich gefehlt hat, aber es ist auch nicht zu verkennen, dass diese Grundsätze in bestimmter, einheitlicher und consequenter Weise bisher nicht zur Anwendung gekommen sind. Der Grund oder die Gründe hierfür sind ohne Zweifel vorzüglich in sachlichen Schwierigkeiten zu suchen; und ich glaube, dass in dieser Hinsicht namentlich zwei Umstände besonders in Betracht kommen. Zunächst ist es bei der Petrographie viel schwieriger als bei jeder anderen naturwissenschaftlichen Disciplin, die thatsächliche Anschauung und Erfahrung zu sammeln, welche die nothwendige Grundlage jeder Systematik bilden muss. Erst seit verhältnissmässig kurzer Zeit ist der hohe Werth eines gründlichen beschreibenden Studiums der Felsarten allgemein anerkannt; die objectiven Hülfsmittel sind demgemäss durchweg noch mangelhaft, und es fehlt weniger der gute Wille als die richtige Gelegenheit, dieselben zu vervollständigen. Wer es versucht hat, eine einigermassen ausreichende petrographische Sammlung zusammen zu bringen, der weiss auch, wie schwer es hält, etwa nur tausend verschiedene Vorkommnisse darin vertreten zu sehen; diese Zahl ist eine sehr bescheidene, wenn wir nur den geologisch bekannten Theil der Erdoberfläche in Betracht ziehen, sie wird zur verschwindend kleinen, wenn wir unsere Ansprüche und Wünsche dem Gesammtbilde des Planeten gegenüber stellen. Die einzelnen Vorkommnisse, die individualisirten Massen sind aber die natürlichen Ausgangspunkte für alle petrographischen Studien und Systeme. Die Aufgabe einer geordneten Petrographie ist weiter zu suchen als in der Untersuchung und Benennung von Handstücken. Das eigentlich geologische Ziel ist die Charakteristik der Massen und diese kann nur durch ein eingehendes Studium der Vorkommnisse an Ort und Stelle gewonnen werden. Eine umfassende geologische Erfahrung dieser Art wird aber der Natur der Sache nach stets nur verhältnissmässig Wenigen erreichbar sein. Das zweite Hinderniss, welches überwunden werden musste, bevor eine genügende Systematik zu Stande kommen konnte, lag in der unvollkommenen Untersuchungsmethode der Petrographie.